Erik Pester (44) aus Schwerin bewahrt eine fast 300 Jahre alte Familienbibel auf, die sein Großvater Herrmann Sprenger 1945 als 14-Jähriger vor sowjetischen Soldaten rettete. Mit dem historischen Fund beteiligt sich Pester an der Leseraktion des Nordkurier, bei der das älteste Buch aus Westmecklenburg und der Prignitz gesucht wird.
Die Rettung im Jahr 1945
Die Geschichte beginnt 1945, als Herrmann Sprenger 14 Jahre alt war und mit seiner Familie auf einem großen Bauernhof in Damm bei Parchim lebte. Als die Rote Armee einrückte, beschlagnahmten sowjetische Soldaten den Hof und richteten dort eine Kommandantur ein. Die Bewohner mussten mit ihren Tieren ausziehen und anderswo im Dorf unterkommen. Im Altenteil schliefen einfache Soldaten auf dem Boden und zwischen den Möbeln. Bücher wurden nach den Überlieferungen des Großvaters teilweise als Toilettenpapier benutzt – darunter auch die alte Familienbibel.
Herrmann schlich sich in das besetzte Gebäude, bewegte sich zwischen den Soldaten hindurch und nahm die Überreste der Bibel einfach mit. Warum ausgerechnet dieses Buch? „Er war nicht sehr religiös“, erzählt sein Enkel. Vielleicht habe er geahnt, dass es etwas Besonderes war. „Oder war es vielleicht das Erste, was er gesehen hat? Das weiß ich nicht.“
Der Fund auf dem Dachboden
Jahrzehnte später verbrachte Erik Pester als Kind viel Zeit auf dem Hof seiner Großeltern. Besonders der Dachboden faszinierte und ängstigte ihn zugleich. Dunkle Ecken, alte Schränke und eine stillgelegte Räucherkammer machten ihn zu einem spannenden Ort. „Ich habe jeden Schrank aufgemacht, hinter jede Wand geguckt“, erzählt er. Bei einer dieser Entdeckungstouren in den 1990er-Jahren fand er schließlich die Bibel.
Als er seinen Großvater darauf ansprach, bekam er dessen unvergessliche Antwort über die sowjetischen Soldaten zu hören: „Da haben die Russen raufgeschissen!“ Besonders faszinierte ihn das Alter des Buches. Zwar fehlen zahlreiche Seiten, doch das Titelblatt des Neuen Testaments ist erhalten. Darauf steht „Gedruckt und verlegt durch Cornelius Johann Stern“ und die Jahreszahl 1732. Einige Jahre vor seinem Tod schenkte Herrmann ihm die Bibel.
Ein Stück Familiengeschichte
Heute lebt Erik Pester mit seiner Familie in Schwerin und leitet die Grundschule Lankow. Der Familienhof in Damm blieb für ihn lange ein Stück Heimat. Als er 2018 verkauft wurde, fiel ihm der Abschied schwer. „Das war so die einzige Konstante im Leben“, erzählt er. Geblieben sind ihm vor allem die Erinnerungen an seinen Großvater und ihre vielen Gespräche über den Krieg, die sowjetische Besatzung und die politischen Umbrüche in der DDR.
Was für Pester heute kaum vorstellbar ist, gehörte damals zum Alltag seiner Familie: Das eigene Zuhause verlassen zu müssen und nicht zu wissen, wie es weitergeht. „Das macht so ein bisschen demütig“, sagt er mit Blick auf die Sorgen der Gegenwart. „Irgendwie geht es halt immer weiter, die Geschichte geht weiter.“ Ein Stück dieser Geschichte hält Pester mit der alten Bibel buchstäblich in den Händen. Während sein Großvater sie jahrzehntelang auf dem Dachboden liegen ließ, bewahrt er sie heute sorgfältig in Folie verpackt auf.