94-jähriger Stellmacher bewahrt historische Werkstatt in Liepgarten
94-jähriger Stellmacher bewahrt Werkstatt in Liepgarten

In Liepgarten wird die alte Stellmacherei der Familie Radloff heute als Ausstellungsraum genutzt. Der 94-jährige ehemalige Stellmacher- und Karosseriebaumeister Werner Radloff bewahrt damit ein Stück Handwerksgeschichte. Die Werkstatt wurde vor mehr als 125 Jahren von seinem Großvater gegründet und existiert noch immer – mit Maschinen und allem Drum und Dran. Gebaut oder repariert wird hier allerdings nichts mehr.

Drei Generationen Stellmacher

„Die Stellmacherei ist um 1900 gebaut worden“, erzählt Werner Radloff. Der erste Stellmacher-Meister sei Großvater Hermann Radloff gewesen. Damals wurde alles in Handarbeit gemacht, ganz ohne Maschinen. Per Hand gehobelt, gesägt und geschnitten. Zu dieser Zeit wurden, wie in einer Stellmacherei üblich, insbesondere landwirtschaftliche Geräte, Ackerwagen, kleine Handwagen, Rodelschlitten und alle möglichen Stiele hergestellt und repariert.

„Das war die Arbeit meines Großvaters. Mein Vater Karl Radloff hat dann 1930 die Werkstatt übernommen“, berichtet der 94-Jährige. Sein Vater hatte hier Stellmacher gelernt und hatte dann unter anderem in Berlin und Hamburg gearbeitet. „1932 bin ich dann geboren.“

Kriegszeit und Nachkriegsjahre

Aufgewachsen ist Radloff vor und während des Zweiten Weltkrieges mit der Stellmacherei auf dem Hof und der Landwirtschaft. „Mein Vater musste nicht zum Militär, weil er kriegswichtige Produktion geleistet hat. Er hat Kastenwagen für Pferdebespannung für die Wehrmacht gebaut“, erinnert sich Werner Radloff. Zwar sollte er immer eingezogen werden, wurde aber „UK“, also unabkömmlich, gestellt.

„Der Hauptwerkstoff, den wir verarbeitet haben, war Holz. Hauptsächlich Harthölzer. Das Holz haben wir von der Forst bekommen“, erläutert der Stellmacher-Meister. In Ueckermünde habe es mehrere Sägewerke gegeben, wo die Stämme zu Bohlen oder Brettern geschnitten wurden. Der Transport sei mit Fuhrwerken, also Pferdewagen, durchgeführt worden. „Bereits in den 30er Jahren hatte mein Vater die elektrisch betriebene Bandsäge, die Hobelbank und auch eine Drehmaschine angeschafft.“

1945 wurde der Vater noch zum Volkssturm eingezogen. Die Familie floh vor der russischen Armee. „Wir hatten schon vorher einen Handwagen gepackt. Damit sind wir bis zum Wald gekommen und haben uns versteckt“, so Radloff. Sein Großvater starb in dieser Zeit.

Vom Stellmacher zum Karosseriebauer

Nach dem Krieg habe es sehr viel Arbeit gegeben, weil viele Flüchtlinge, die ein Stück Land bekommen hatten, auch Pferd und Wagen brauchten. „1946 habe ich angefangen, Stellmacher zu lernen. Als ich drei Jahre später ausgelernt hatte, meinte mein Vater, dass ich hier in Liepgarten keine Zukunft hätte. So ging ich in die Nähe von Berlin.“ In Großbeeren habe es einen Betrieb gegeben, in dem diese Ackerwagen hergestellt wurden. „Dort habe ich gearbeitet. Die Wagen gingen als Reparation nach Frankreich.“

Später habe Werner Radloff in Berlin Friedrichshagen eine Stelle in einer Firma gefunden, die auch Karosseriebau betrieben hat. „1965 habe ich den Meister im Karosseriebau gemacht. Als ich 1967 wieder zurückkam, habe ich erst einmal bei meinem Vater weitergearbeitet.“ Mit der Gründung der LPG wurden keine Ackerwagen mehr gebraucht, der Betrieb wurde zur Bautischlerei. „Die Werkstatt habe ich dann 1968 übernommen. Hier habe ich Fahrerhäuser für Lkw und die Aufbauten für den Personentransport gebaut.“

Nach der Wende meldete Radloff den Betrieb ab. „Ich war 58 Jahre alt. Da war ich noch kein Rentner. Ich musste mich also arbeitslos melden.“ In dieser Zeit sei er nach Neubrandenburg zur Handwerkskammer gefahren und habe den Betrieb abgemeldet. „Es war schon ein komisches Gefühl, diesen Betrieb der über Generationen funktioniert hat, abzumelden.“

Heute wird die Stellmacherei von Schwiegersohn Rainer Ulrich als Ausstellungsraum genutzt und kann unter anderem zu Kunst:Offen im Frühjahr besichtigt werden.