Blindenanstalt Neukloster: Direktor Ernst Puchmüller überlebte NS-Haft
Blindenanstalt: Direktor überlebte NS-Haft

Als Ernst Puchmüller im November 1948 Direktor der Landesblindenanstalt in Neukloster wurde, übernahm er keine gewöhnliche Schule. Die Einrichtung hatte eine lange Geschichte: Bereits 1864 war die Großherzoglich-Mecklenburgische Blindenanstalt gegründet worden. Generationen blinder und sehbehinderter Menschen wurden hier unterrichtet, gefördert und auf ein möglichst selbstständiges Leben vorbereitet.

Ein Leiter mit eigener Erfahrung

Puchmüller brachte eine Erfahrung mit, die kein Studium und keine Akte ersetzen konnten. Er war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden und hatte einen Großteil seines Augenlichts verloren. Während der NS-Haft erblindete er vollständig. Der neue Leiter kannte die Abhängigkeit, die Unsicherheit und die Mühe der Neuorientierung aus dem eigenen Leben. Deshalb wurde seine Arbeit in Neukloster mehr als ein Amt.

Ernst Puchmüller wurde am 7. März 1897 in Dassow geboren. Sein Vater war Schuhmacher, er selbst lernte nach der Volksschule den Beruf des Bäckers. 1916 wurde er zum Militär eingezogen und am 4. Mai 1917 an der Westfront schwer verwundet. Danach hatte er rund 75 Prozent seines Augenlichts verloren.

Vom Krieg geprägt und politisiert

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg arbeitete Puchmüller zunächst als Landbriefträger in seiner Heimat. Er schloss sich der Arbeiterbewegung an: 1917 der SPD, 1918 der USPD und später der KPD. Beim Widerstand gegen den Kapp-Putsch 1920 wurde sein Freund Hermann Litzendorf erschossen; Puchmüller selbst wurde verhaftet.

1920 ging Puchmüller nach Lübeck. Dort leitete er die Rote Hilfe, engagierte sich in Arbeiterorganisationen und wurde 1932 für die KPD in die Lübecker Bürgerschaft gewählt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten arbeitete er illegal weiter. Über Seeleute liefen Kontakte ins Ausland, illegales Material kam nach Deutschland, in Betrieben entstanden Zellen des Widerstands.

Widerstand, Haft und vollständige Erblindung

1933 kam Puchmüller zeitweise in sogenannte Schutzhaft. Am 13. Oktober 1935 wurde er erneut verhaftet. Im Dezember 1936 verurteilte ihn der Volksgerichtshof im Lübecker Kommunistenprozess zu 13 Jahren Zuchthaus. Die Todesstrafe blieb ihm wegen seiner Kriegsverletzung erspart.

Puchmüller saß unter anderem in Fuhlsbüttel, Oslebshausen und Waldheim. In der Haft verlor er sein Augenlicht vollständig. Von einem Mitgefangenen lernte er die Blindenschrift. Dass er auch unter diesen Bedingungen schrieb und später als Zeitzeuge auftrat, gehört zu den eindrücklichen Details seiner Biografie.

Neukloster wurde seine zweite Aufgabe

Nach dem Ende der NS-Herrschaft kehrte Puchmüller nach Mecklenburg zurück. Er beteiligte sich am politischen Wiederaufbau, war im Kreis Grevesmühlen und in Schönberg tätig und engagierte sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Seine prägendste Aufgabe nach 1945 fand er jedoch in der Blindenarbeit.

Puchmüller leitete die Landesblindenanstalt mit kurzer Unterbrechung bis 1967. In dieser Zeit entwickelte sich der Standort weiter. Aus der historischen Blindenanstalt wurde zunehmend ein Ort der Förderung, Rehabilitation und beruflichen Befähigung. Blinde Menschen sollten nicht nur betreut werden, sondern Fähigkeiten erwerben, ihren Alltag bewältigen und berufliche Perspektiven entwickeln.

Auch über Neukloster hinaus blieb Puchmüller in der Blindenarbeit aktiv. Von 1957 bis 1963 war er Vizepräsident des Allgemeinen Deutschen Blindenverbandes der DDR. Er schrieb außerdem über die Entwicklungsgeschichte der Blindenanstalt und veröffentlichte Erinnerungen.

Texte, Ehrungen und spätere Umbenennungen

In der DDR wurde Puchmüller mehrfach geehrt. Er erhielt unter anderem den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze, Silber und Gold sowie den Orden Banner der Arbeit. 1957 wurde er Ehrenbürger von Neukloster. Später lebte er in Rostock, wo er am 14. Juni 1976 starb.

Zwei Einrichtungen erinnerten in der DDR direkt an ihn: die Schule in seinem Geburtsort Dassow und das Rehabilitationszentrum für Blinde und Sehschwache in Neukloster. Die Dassower Schule erhielt seinen Namen noch zu seinen Lebzeiten. Das Zentrum in Neukloster wurde Anfang der 1980er Jahre nach ihm benannt. Nach der Wiedervereinigung erhielten beide Einrichtungen neue Namen.

Puchmüller war in der DDR als Widerstandskämpfer, Blindenverbandsfunktionär und Kommunist geehrt worden; nach 1990 wurden solche Namensgebungen vielerorts neu bewertet. Sein Name verschwand aus dem Alltag der Einrichtungen, seine Biografie blieb Teil der Regionalgeschichte.