Die Boizenburger Stadt- und Hafenbahn war über 100 Jahre ein wichtiger Bestandteil des städtischen Lebens. Sie verband den Staatsbahnhof mit dem Hafen und der Altstadt. Heute sind nur noch wenige Spuren der Strecke sichtbar, die von 1890 bis 1998 in Betrieb war.
Eine kurze, aber wichtige Verbindung
Die Berlin-Hamburger Bahn fuhr seit 1846 an Boizenburg vorbei, doch der Bahnhof lag rund drei Kilometer von der Stadt entfernt. Schon 1847 wurde über eine Verbindung zum Hafen gesprochen, gebaut wurde sie jedoch erst Jahrzehnte später. Am 14. Juni 1889 gründete sich im Rathaus die Boizenburger Stadt- und Hafenbahn, die Stettiner Firma Lenz & Co übernahm den Bau. Am 1. August 1890 startete der Güterverkehr, am 1. September auch der Personenverkehr.
Die Strecke war kurz, aber bedeutend: Bis zum Stadtbahnhof waren es 2,57 Kilometer, mit Hafen- und Werftanschluss rund drei Kilometer. Sie war normalspurig, eingleisig und erlaubte höchstens 30 Kilometer pro Stunde. Die Fahrt zwischen den beiden Bahnhöfen dauerte sieben Minuten. Täglich verkehrten anfangs sieben Zugpaare, passend zu den Zügen auf der Strecke Hamburg–Berlin.
Wachstum und neue Aufgaben
Im ersten Betriebsjahr nutzten etwa 25.000 Menschen die Bahn, dazu kamen fast 19.700 Tonnen Wagenladungen. Die Stadtbahn verband den Hafen mit Betrieben, die auf Schienen angewiesen waren. Die 1903 gegründete Wandplattenfabrik erhielt Anschlussgleise, später kamen weitere hinzu, etwa zur Mühle Hinselmann, zum Minol-Lager der Gebrüder Voß, zur Firma Lechler und zur Elbewerft. Auch am Kai wurden Gleise gelegt, damit Güter direkt zwischen Schiff und Bahn umgeschlagen werden konnten.
Die Nähe zum Wasser brachte Probleme: 1895 legte ein Hochwasser den Betrieb zeitweise lahm, erst 1925 wurden wirksame Schutzmaßnahmen umgesetzt. 1914 entstand am Stadtbahnhof eine Verladerampe. Bis 1920 gehörte die Bahn einer Aktiengesellschaft, danach übernahm die Stadt schrittweise die Kontrolle. 1925 ging das Vermögen auf die Stadt über, aus der Privatbahn wurde ein städtischer Eigenbetrieb. 1932 wurden Stadtbahn und Hafenumschlag zusammengeführt, für 30.000 Reichsmark kam ein Vollportal-Schwenkkran, die Kaianlage wurde für 120.000 Reichsmark ausgebaut.
Ein neues Empfangsgebäude und der Krieg
1938 erhielt die Stadt- und Hafenbahn ein neues Empfangsgebäude mit Güterschuppen. Der Architekt Erich Bentrup entwarf einen repräsentativen Bau mit Backstein im Erdgeschoss, Fachwerk in den oberen Geschossen und einem markanten Mittelerker. Nach nur zweieinhalb Monaten Bauzeit wurde das Gebäude übergeben, es kostete rund 100.000 Reichsmark. Im Inneren entstand ein Wandrelief von Maximilian Preibisch mit dem Titel „Arbeit in Boizenburg“.
Während des Zweiten Weltkriegs stiegen die Fahrgastzahlen stark. 1944 verkehrten täglich zehn Zugpaare und zusätzliche Bedarfszüge, die Stadtbahn erreichte mit 668.500 beförderten Personen ihren Höchstwert. Gleichzeitig litten Gleise, Fahrzeuge und Anlagen unter Materialmangel. Wegen des Mangels an Arbeitskräften wurden erstmals Frauen im Schaffnerdienst eingesetzt. Das Hafengebiet wurde 1945 Ziel von Luftangriffen, doch Gleiskörper und Empfangsgebäude überstanden die Angriffe weitgehend unbeschädigt.
Das Ende der Personenbeförderung
Nach dem Krieg wurde die Stadtbahn 1947 der Landes-Eisenbahnverwaltung in Mecklenburg unterstellt, am 1. April 1949 kam sie zur Deutschen Reichsbahn. Der Güterverkehr blieb wichtig, vor allem für das Fliesenwerk und die Elbewerft. Der Personenverkehr lief weiter, bei geringer Auslastung auch mit einem Wismarer Schienenbus Typ B, den die Boizenburger „Molly“ nannten. 1956 endete sein Einsatz.
Am 28. Mai 1967 wurde der reguläre Personenverkehr eingestellt, vier Busse des VEB Kraftverkehr Hagenow übernahmen die Verbindung. 1972 kam es noch einmal zu einem ungewöhnlichen Personeneinsatz: Zur Vereidigung mehrerer Hundert Grenzsoldaten auf der Ziegenwiese fuhr eine Diesellok der Baureihe 118 mit 15 Personenwagen bis zum früheren Haltepunkt Stiftsbrücke. 1980 folgte zur 725-Jahr-Feier der Stadt und zum 90-jährigen Bestehen der Bahn eine Sonderfahrt, bei der rund 1500 Menschen mitfuhren.
Rückbau und Erinnerungen
Der Güterverkehr hielt sich noch bis zum 1. Januar 1998. Danach war Schluss, die Elbewerft war in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Im September 2005 begann der Rückbau der Gleisanlagen und der Brücke über die Alte Boize. Mehr als 110 Jahre nach der Eröffnung war die Boizenburger Stadt- und Hafenbahn Geschichte.
Ganz verschwunden ist sie nicht. Im Stadtbereich sind Teile der alten Trasse noch ablesbar, am Hafen stehen mit dem früheren Empfangsgebäude und der ausgestellten Diesellok zwei markante Erinnerungen. Der restaurierte Eisenbahndrehkran am Elbewehr ergänzt diese Spuren.