Braunkohle am Sonnenberg: Vom Schacht zur Waldgeschichte
Braunkohle am Sonnenberg: Schacht und Scheitern

Am Nordhang des Vietingsberges bei Parchim ist vom alten Braunkohlenschacht heute kaum noch etwas zu erkennen. Ein paar Vertiefungen im Waldboden sind ohne Vorwissen leicht zu übersehen. Dabei wurde hier im 19. Jahrhundert gebohrt, ein Schacht angelegt und zeitweise Kohle gefördert.

Hoffnung auf Brennstoff am Sonnenberg

Der Schacht lag nördlich von Kiekindemark, rund drei Kilometer südwestlich von Parchim. Heute gehört die Gegend zum Naturschutzgebiet Sonnenberg. Damals stand die Frage im Raum, ob sich aus dem Boden ein verkaufbarer Brennstoff gewinnen lässt.

Mehrere mecklenburgische Amtsbereiche waren jahrzehntelang an Preußen verpfändet. Als sie 1787 wieder unter die Kontrolle des mecklenburgischen Herzogs kamen, wollte dieser genauer wissen, welche Rohstoffe in seinem Land lagen. Zugleich gewann Braunkohle als Brennstoff an Bedeutung, weshalb mögliche Lagerstätten geprüft wurden.

Bohrungen bestätigen Kohle, Wasser wird zum Problem

Der Vietingsberg galt schon vor den Bohrungen als auffällige Stelle. Nach längerer Trockenheit und anschließendem Regen sollen dort weiße Nebel aufgestiegen sein. In Parchim verband man das mit der Sage vom Räuber Vieting; der Ludwigsluster Arzt Gustav Brückner vermutete im Untergrund zunächst Kalk oder Gips.

Ab 1840 untersuchte Friedrich August Albert Mengebier die Vorkommen. Die Bohrungen bestätigten Kohle im Boden, allerdings in wechselnder Tiefe und Qualität. Ein Bohrprofil beschrieb unter Mutterboden, Sand, Steinen und tonhaltiger Erde ein rund 2,3 Meter starkes Kohlenlager. Nahe Kiekindemark lag die Kohle teils näher an der Oberfläche. Genaue Aussagen waren schwierig, weil verlässliche Lage- und Tiefenmessungen fehlten.

1841 wurde am Fuß des Vietingsberges ein Schacht angelegt. Bis Ende Oktober desselben Jahres kam eine größere Menge Braunkohle ans Tageslicht. Ein Teil wurde als Brennstoff verkauft, feiner Kohleabrieb fand sogar als Düngemittel Verwendung.

Das größte Problem war Wasser: Die Kohle lag teils unter dem Wasserspiegel, das Grundwasser stand hoch. Mengebier ließ das Wasser mit Pumpen heben, die von Pferden angetrieben wurden. Teure dampfbetriebene Pumpen wollten die Geldgeber offenbar nicht bezahlen, wodurch der Betrieb unsicher blieb.

Feuchte Kohle überzeugt nicht

Die Braunkohle war zwar fest und zeigte noch faserige Strukturen, brannte aber schwer an und roch beim Heizen unangenehm. Ein Zeitzeuge beschrieb den Geruch als beißend und künstlich, ähnlich wie verbrannter Lack. Gutes Buchenholz und trockener Torf waren in der Gegend verfügbar – gegen diese Brennstoffe hatte die nasse Braunkohle einen schweren Stand. Auch Brenner und Brauer testeten sie, waren aber wenig begeistert. 1842 kam der Betrieb zum Erliegen.

1853 wurde das Vorkommen erneut untersucht. Diesmal bohrte man systematischer, auch in der Nähe des alten Schachts. Die Ergebnisse blieben schwierig: Steine stoppten Bohrungen, Bohrrohre gingen verloren, nasser Sand erschwerte die Arbeit. In Schachtnähe wurden zwar wieder drei Kohlenschichten gefunden, doch Qualität und Stärke reichten nicht für sichere Investitionen. Dazu kam ein schwerer Zwischenfall: Ein aus Halle geholter Bergmann erschoss aus Unvorsichtigkeit einen Menschen und geriet in eine Kriminaluntersuchung. Die Arbeiten verzögerten sich weiter.

Letzter Versuch nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Kohle am Sonnenberg noch einmal ins Gespräch. 1945 wurde neben dem alten Schacht gebohrt, um zu prüfen, ob ein Abbau möglich wäre. Der Parchimer Lehrer und Heimatforscher Walter Dahnke untersuchte die Bohrkerne und fand kohlige Erde, zertrümmerte Braunkohle und in größerer Tiefe feste Braunkohle.

Zur Förderung kam es nicht mehr: Bohrgerät und Wagen wurden durch einen Brandanschlag zerstört. Statt Braunkohle aus dem Sonnenberg zu gewinnen, nutzte man Torf aus dem Darzer Moor. Damit endete der letzte bekannte Versuch, das Vorkommen wirtschaftlich zu erschließen.

Heute ist der frühere Schacht im Gelände kaum noch auszumachen. In der Umgebung erinnern weitere alte Gruben daran, dass der Boden am Sonnenberg früher auch anders genutzt wurde – dort wurde tonhaltige Erde gewonnen, die im Tuchmacherhandwerk gebraucht wurde. Der Sonnenberg ist heute vor allem ein Schutzgebiet mit Buchenwald, Quellbereichen, kleinen Bächen und dem Roten Bach. Unter dieser Waldlandschaft steckt ein Stück lokaler Wirtschaftsgeschichte: ein Bergbauversuch, der an Wasser, Kosten und feuchter Kohle scheiterte.