In ihrem Landkaten in Rothspalk blickt Katja Liebmann aus den Atelierfenstern auf die ruhige Welt der Mecklenburgischen Schweiz. Regentropfen an den Scheiben bilden einen Schleier zwischen ihr und der Umgebung. „Hier fühle ich mich geborgen, bin fokussiert und produktiv“, sagt die Künstlerin. Sie lehrt als Dozentin für grafische und frühe fotografische Verfahren an der Universität Oldenburg.
Ein Ort mit Geschichte
Rothspalk kennt sie seit ihrer Jugend. Das Dorf mit seinem Schloss und der ruinösen Kapelle ist ihr Ruhepol und Inspirationsquelle. Bereits ihre Mutter, die Schriftstellerin Irina Liebmann, entdeckte Rothspalk in den 1980er Jahren. Auch die Freundin der Familie, Regina Scheer, schrieb im Nachbardorf Carlsdorf ihren Bestseller „Machandel“. Der Künstler Jörg Herold nutzt Rothspalk seit Jahrzehnten als Refugium.
Katja Liebmann wuchs in Ostberlin auf, lernte Schriftsetzerin in Leipzig und studierte Kunst unter anderem an der Kunsthochschule Weißensee, der Kunstakademie Nürnberg und dem Royal College of Art in London. Sie hatte Stipendien in London, Göteborg und New York.
Unterwegs mit Kamera und Staffelei
Ihre Aufnahmen entstanden teils in fahrenden Bussen. Manchmal führte das Schlenkern des Busses eine Radiernadel über die Zinkplatte auf ihrem Schoß. Sie verbindet Druckgrafik und Fotografie. „Das gleicht für mich einem Bild gelebten Lebens“, erklärt sie. „Vergangene Erfahrungen verschwinden nicht, wenn neue hinzukommen – Erinnerungen wirken fort und verbinden sich mit späteren Erfahrungen.“
Historische Techniken wie die Cyanotypie mit ihrem preußischen Blau verstärken den Effekt der entrückten Bilder. Auch Salzdruckverfahren und Silbergelatine-Abzüge betonen die Melancholie.
Internationale Anerkennung
Ihre Serien „Rush hour“, „London Ornaments“ und „Gotham City“ machten international Furore. In „Gotham City“ inszenierte sie sich mit Batman-Maske in New York. Regisseur Francis Ford Coppola schrieb ihr ein „Well done“ ins Gästebuch der Londoner Abschlussausstellung. Ihre Arbeiten werden vom Victoria & Albert Museum und dem Deutschen Bundestag angekauft.
In Rothspalk arbeitet sie nun mit Buntstiften und Staffelei in der Natur. „Oft sitze ich zwei Stunden ganz konzentriert und skizziere die Märchen-Landschaft – nun mache ich selbst, nicht die Kamera das Bild“, sagt sie. Die Zeichnungen entstehen auf früheren Cyanotypien.
„Wie ein Text, der umgeschrieben wird, sind auch die Bilder in Veränderung“, erklärt Katja Liebmann. Vergangenheit und Gegenwart treten in Dialog.