Lukas Rietzschel aus Räckelwitz in Sachsen, einer der bekanntesten jungen Autoren Deutschlands, fühlte sich bei seinem Besuch in Neustrelitz nach eigenen Aussagen fast wie auf den Champs Élysées in Paris. Auf dem Weg zu seiner Lesung fiel dem Shooting-Star auf dem Marktplatz der mittelgroßen Stadt auf, dass der Triumphbogen aus der französischen Hauptstadt auch dorthin passen könnte.
Ausverkaufte Lesung im Buchladen
„Mir war schon klar, dass der hier nicht steht, aber ein bisschen kommt Neustrelitz da schon ran“, sagte der 32-Jährige am Freitagabend im Frau Rielke-Buchladen. In dem mit mehr als 50 Plätzen ausverkauften Geschäft in der Strelitzer Straße stellte er seinen neuen Roman Sanditz vor und traf auf fasziniertes Publikum.
Kein DDR-Roman, sondern Menschen im Mittelpunkt
Der 1994 geborene Sachse hat die Deutsche Demokratische Republik nicht erlebt. Dennoch ist es ihm gelungen, so über Menschen in dem nicht mehr existierenden Staat zu schreiben, dass sich Zeitzeugen 37 Jahre später nicht verballhornt fühlen, sondern wiedererkennen. Als DDR-Roman möchte er sein 476 Seiten starkes Buch dennoch nicht bezeichnet wissen. „Das wäre zu einfach gedacht“, sagte er auf Nachfrage von Buchhändlerin Kathrin Matern. Dann könne man seine Arbeit genauso gut Corona-Roman, Ukrainekrieg-Buch oder Wende-Lektüre nennen, das komme nämlich alles darin vor.
„Im Zentrum stehen die Menschen. Ich möchte über die Menschen in dieser Zeit erzählen, nicht über die Zeit“, erklärte Rietzschel. In Sanditz geht es um Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, Widerständler, Träumerinnen, Frührentner, Kinder, Liebespaare, Archivare und Familie Wenzel aus einer Stadt, die genauso gut Neustrelitz, Wesenberg oder Mirow sein könnte.
Applaus und signierte Bücher
Seine Leser in Neustrelitz sparten nicht mit Applaus und ließen ihn schwungvoll Bücher signieren, die sie gekauft hatten wie schon Zig-Tausende vor ihnen. Sanditz befindet sich bereits in seiner sechsten Auflage, hat es auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft und auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.
Und das alles, obwohl Lukas Rietzschel eigentlich gar kein Schreiber werden wollte, anfangs nicht mal gern las, wie er in Neustrelitz verriet. „Schriftsteller kommt in meiner Familie bis heute nicht gut an. Meine Eltern hätten es besser gefunden, wenn ich meine Ausbildung zum Mediengestalter beendet hätte. Dass ich zur Uni gehe, war nie vorgesehen. An so einem Buchladen wie diesem wäre ich früher skeptisch vorbeigegangen“, berichtete Rietzschel. Erst wegen Liebeskummer habe er mit dem Lesen begonnen. Mit der DDR habe er sich später auseinandergesetzt, „weil ich mich fragte, wo ich herkomme, was meine Eltern beschäftigt hat“.
Weitere Lesung angekündigt
Die Lesung bei Wein und Wasser war Teil einer Veranstaltungsreihe in dem Neustrelitzer Buchladen, die am Dienstag, dem 27. Oktober, fortgesetzt wird. Dann kommt Susanne Krones, Programmleiterin beim Beck-Verlag, kündigte Kathrin Matern an.