In seiner kleinen Ölmühle in Tarnow bei Bützow gewinnt Ingo Sander aus den Samen der Nachtkerze ein kostbares Öl. Die Pflanze ist zur Heilpflanze des Jahres 2026 gekürt worden. Der 55-Jährige erzählt von Anbau, Ernte und Verarbeitung – und verrät, warum die Wurzel früher „Schinkenwurz“ genannt wurde.
Ein Wildblumengarten voller Nachtkerzen
Ein golden wogendes Feld, auf dem nachts die Blüten der Nachtkerze aufspringen und im Mondlicht leuchten? Ingo Sander winkt ab. Das sei denn doch zu romantisch. Auch wenn die Nachtkerze in diesem Jahr Furore macht und zur Heilpflanze 2026 erkoren ist. Ein Feld dieser besonderen Pflanze habe er nicht mehr zu bieten, gesteht er.
Aber in seinem Wildblumengarten darf sie überall stehen. So blühen in seinem Anwesen die Nachtkerzen neben Fenchel, Malven und Disteln, der Färberkamille, Goldrute und Wegwarte. „Alles darf wachsen!“, sagt der 55-Jährige. Die Nachtkerze aber hat es ihm besonders angetan. Er hat schon einen Korb der winzigen Samen bereitgestellt. Heute wird er sie in seiner Ölmühle verarbeiten.
Vom Ursprung der Pflanze bis zur Ölgewinnung
Sanders Mühle steht in Tarnow bei Bützow. Dort ist er auch ehrenamtlicher Bürgermeister. Sein Gehöft liegt etwas außerhalb, in Richtung Boitiner Steintanz, der uralten sagenumwobenen Kultstätte. Magisches liegt in der Luft. Da kann Ingo Sander gleich noch beisteuern, wenn er vom Ursprung der Nachtkerze erzählt: Wie die indigenen Völker Nordamerikas sie für Jagdzauber und spirituelle Wundheilung nutzten.
Hoffnung, Erleuchtung und seelische Reinigung verspricht seitdem die Pflanze. Im 17. Jahrhundert kam sie nach Europa. Und mit ihr im Gepäck auch etwas Zauberglaube, etwa dass das Räuchern ihrer getrockneten Blüten „verdrängte Emotionen und Geheimnisse“ offenbare. Hat es Ingo Sander schon mal probiert? Er lächelt. Habe er nicht nötig. Er sei die Ruhe in Person, meint er und schenkt sich einen Becher Hanftee ein. „Mögen Sie auch?“, fragt er höflich, „THC-frei, nichts Verbotenes, nur Entspannung!“
Gleich in der Frühe hat der Tarnower schon seine Ölmühle angestellt. Es gibt wohl nur noch wenige solcher Mühlen in Mecklenburg-Vorpommern. Sander hat die Düsen ausgewählt, das Presswerk zusammengebaut. „Mühle ist eigentlich ein falscher Begriff“, sagt er. „Die Samen werden ja nicht gemahlen, sondern gequetscht, um das Öl zu bekommen. Prinzip Fleischwolf und Saftpresse“, schmunzelt er.
Zwei Millionen Samen für 100 Milliliter Öl
Seine Mühle wird den ganzen Tag laufen. Geringer Druck und niedrige Mengen! Das koste zwar Zeit, aber es mache sich in der Qualität der Öle bezahlt, weiß er. Sorgfältig schüttet er die Samen in den Trichter. Es sind winzige Teilchen, jedes nicht größer als einen Millimeter. Für das 100-Milliliter-Fläschchen Nachtkerzenöl bedarf es an die zwei Millionen dieser Samenkörner oder rund gerechnet ein Kilo. Die Mühle summt zufrieden. Das Öl tropft langsam. Der Presskuchen windet sich in den Abfalleimer. Der könne noch gut zum Düngen verwendet werden, verrät Sander.
Morgen wird er ein anderes Öl herstellen. Sein Repertoire sind auch reine Öle aus Raps und Sonnenblume, aus Färber- und Mariendistel, aus Hanf, Mohn und Schwarzkümmel und dem Iberischen Drachenkopf oder aus Öllein und Leindotter. Er freut sich: All diese Gaben der Natur helfen Körper und Geist fit zu halten und sorgen auch für eine gesunde Küche. Und er darf dabei helfen.
Vom Anbau bis zur Lohnverarbeitung
Seit 2007 gibt es seine handgemachten Bioöle mit dem Sander-Logo. Und nicht nur die naturbelassenen Pflanzenöle, auch Essige und Weine stehen bei ihm zur Auswahl. In seinem kleinen Verkaufsraum kann man sich davon überzeugen. Mit seinen Produkten ist Ingo Sander aber auch immer wieder auf Märkten präsent.
Immer mehr presse er jetzt die Ölsaaten in Lohnverarbeitung, schränkt der 55-Jährige ein. Die Samen ernte er nicht mehr selbst. Wie früher, als er mehrere Hektar der Nachtkerze anbaute. Natürlich hat er sich damals Rat und Hilfe von kompetenter Stelle geholt. „Bei Dr. Lothar Adam vom Verbraucherschutz und Landwirtschaft in Güterfelde“, sagt er. Der Agraringenieur erprobte, wie aus der wilden Nachtkerze ein Anbau als Kulturpflanze möglich ist, aus der man dann erst das nutzvolle Öl gewinnen konnte. Die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe e.V. in Gülzow unterstützte dabei. Er sei mit dem Doktor auch heute noch befreundet, und sie basteln gerade daran, ein Video zum Anbau der Nachtkerze zu veröffentlichen, verrät Sander.
Trotz Expertenhilfe – der eigene Anbau rechnete sich letztlich schwer. Er erzählt von all der Mühe mit Säen, Jäten, Ernten und Dreschen – die ganze Familie half dabei zwar mit. „Aber viel Aufwand und sehr hohe Kosten. Und es gab eine große Menge an Konkurrenz aus Fernost, die es billiger anbot.“
Wurzel, Blüten und die Kraft der Samen
Heutzutage ist guter Nachtkerzensamen beim Händler zu haben. Selbst für den Haus- und Gartengebrauch. Es klingt verlockend, wenn es heißt: Die robusten Pflanzen gedeihen einfach, auch auf kargen Böden, die Blütenpracht erfreue Herz und Magen. Und die Rezepte versprechen Genuss, etwa, wenn frisch gepflückte Blüten, mit Doppelrahm-Käse gepaart, verspeist werden. Ingo Sander lächelt. Natürlich hat er das auch schon probiert. Er empfiehlt aber, wenn schon, denn schon, die Wurzel der Nachtkerze. „Früher“, sagt er, „wurde sie viel gegessen, und man nannte sie ‚Schinkenwurz‘, weil die Leute dachten, sie schmecke wie Schinken und weil sie sich beim Kochen rot verfärbt. Ein altes Sprichwort meinte sogar: ‚Ein Pfund Nachtkerzenwurzeln gibt so viel Kraft wie ein Zentner Ochsenfleisch.‘“
„Probieren Sie mal!“ – Mit geübtem Griff holt Ingo Sander eine Wurzel aus der Erde, säubert sie und hält ein Stück zum Kosten parat. Na ja, wenig Hochgenuss – dafür brennt es in Hals und Kehle. „Das sollte vielleicht erst blanchiert werden oder in Butter gedünstet“, bedauert Sander. Dann schmecke es gut.
Die wichtigsten Stoffe befänden sich sowieso in den Samen. Und zählt die Vorzüge auf: „reich an ungesättigten Fettsäuren, besonders der Gamma-Linolensäure, wichtig für den Körper, bringt Energie und Gesundheit in Knochen, Haut und Haare. Das Öl wird deshalb auch in der Kosmetik verwendet, gern bei spröder, trockener Haut. Und natürlich in der Medizin. Ein bekanntes Anwendungsgebiet sei die Behandlung von Neurodermitis.“
Vom Tischler zum Ölmüller
Seine Liebe zu den Wildpflanzen hat sich Ingo Sander letztlich zum Beruf gemacht. Als Kind sei er schon gern durch Wald und Feld gestreift, um all die Blumen und Pflanzen, Insekten und vor allem die Vögel zu beobachten. Er stammt aus der Teterower Ecke, aus Groß Köthel, verrät er, und dass er zuerst Tischler gelernt hat. Nach der Wende wollte er eigentlich auf dem Tarnower Hof eine Tischlerei gründen. Aber dazu hätte er eine neue Stromleitung gebraucht. Es ging nicht: zu teuer.
1997 machte er sich mit einer Fasanerie selbstständig. Aber die Füchse, Waschbären und Marderhunde vergällten es ihm bald. Die Geflügelpest tat ihr Übriges. Sander ließ sich nicht entmutigen. Die Familie hielt zu ihm. Er konzentrierte sich ganz auf die Landwirtschaft, bewirtschaftete die zum Hof gehörenden 40 Hektar, baute Gemüse an, und dann kam die Idee mit den Wildpflanzen. „Ohne die Nachtkerze wäre ich nicht da, wo ich heute bin“, schmunzelt er. Bald feiert er das 20-jährige Bestehen seiner Ölmühle. Seit 2009 ist er zudem ehrenamtlicher Bürgermeister, parteilos und für die 1200 Einwohner von Tarnow und Umgebung zuständig.
Gegen Abend muss er sich noch auf die nächste Gemeindevertretersitzung vorbereiten. „Viel zu tun und wenig Geld, wie überall“, meint er. Es geht um Beschlussvorlagen und Haushaltskonsolidierung. Gerade diskutieren sie den Bebauungsplan für Zernin. Neue Mühlen braucht das Land! Ein Reizthema? „Verträgliche Windkraft natürlich!“ Und was macht der Bürgermeister, wenn er sich trotz „Prinzip Ruhe und Gelassenheit“ doch geärgert hat? Dann gehe er in der schönen Landschaft spazieren oder fahre ein Stück mit dem Rad. Das helfe. Meistens.