Eigentlich könnte Wolfgang Richter an diesem Tag ausschlafen, gemütlich frühstücken und den Tag ruhig angehen lassen. Stattdessen macht er sich an diesem Mittwoch früh auf den Weg nach Parchim, um auf dem Wochenmarkt Eier und Honig zu verkaufen. Kaum hat er in der City seinen Anhänger geöffnet, die Plane hochgeschlagen und die Waren auf die Tische gepackt, stehen die ersten Marktbesucher an seinem Stand.
„Guten Tag Wolfgang“, sagt Hilde und reicht ihm ihr Portemonnaie. „Ich nehme ein Glas Honig.“ Während Wolfgang Richter Kleingeld zählt, plaudert die ältere Frau munter weiter. „Mein Herr ist auch mit“, sagt sie und grinst schelmisch. „Hast du ihn bewegt bekommen?“, fragt Wolfgang Richter. „Ja, der sitzt da vorn im Café“, lautet die Antwort. Dann verabschiedet sich Hilde: „Mach’s gut Wolfgang!“
Vom NVA-Soldaten zum Imker
Wolfgang Richter war früher Soldat bei der NVA. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in Sachsen. In Dresden lernte er beim Tanz eine Mecklenburgerin kennen, die dort studierte. Die beiden verliebten sich, noch während des Studiums war ihr erstes Kind unterwegs. „Nach der Wende 1989 wurde die Sehnsucht meiner Frau nach ihrer Heimat immer größer“, erinnert sich Wolfgang Richter. „Also sind wir hier hoch in den Norden gezogen. Eigentlich wollte ich bei der Armee aufhören. Aber dann blieb ich doch. Damals wurden von 100.000 DDR-Soldaten knapp 1100 übernommen, die meisten davon waren Unteroffiziere wie ich.“
Mit 53 Jahren wurde Wolfgang Richter als Unteroffizier in den Ruhestand verabschiedet. Was für andere wie ein Sechser im Lotto klingt, war für ihn vor allem fürchterlich langweilig. Er suchte sich Jobs: Erst holte er für das DRK demente Menschen von zu Hause ab, dann arbeitete er zehn Jahre beim ADAC. Beim Programm „Achtung Auto“ zeigte er Fünftklässlern, wie schnell ein Auto fährt und worauf sie achten müssen. „Wir haben zum Beispiel geschaut, wie weit der Bremsweg ist, wenn es 30 km/h fährt. Die Arbeit mit den Kindern hat Spaß gemacht.“
Honig von zwölf Bienenvölkern
Vor 16 Jahren griff Wolfgang Richter zum ersten Mal zum Imkerhut. Heute ist er Vorsitzender des Parchimer Imkervereins – des ältesten Imkervereins in Mecklenburg, der 2024 sein 150. Jubiläum feierte. In dieser Saison hat er etwa 300 Kilo Honig von seinen zwölf Bienenvölkern geerntet. Das 500-Gramm-Glas kostet bei ihm ab sechs Euro. „Ich kenne Gegenden, da muss man zehn Euro für ein Glas Rapshonig zahlen“, erzählt er. „Aber ich weiß ja, was die Leute hier verdienen. Ich will den Honig verkaufen und nicht drauf sitzen bleiben.“
Die Eier an seinem Stand stammen nicht von eigenen Hühnern, sondern aus Freilandhaltung von einem Landwirtschaftsbetrieb aus Friedrichsruhe. Dazu bietet er selbst gedrehte Bienenwachskerzen an. Ums große Geld geht es ihm auf dem Wochenmarkt nicht – auch wenn etwas für das kostenintensive Hobby reinkommen darf. Wolfgang Richter ist vor allem hier, weil er unter Menschen sein möchte. „Natürlich bin ich auch gern Zuhause bei mir in Goldenbow und meine Frau und ich reden sehr viel miteinander. Trotzdem ist es schön, auch mal rauszukommen. Ich hab’ in meinen Berufsleben immer sehr viele Leute um mich herum gehabt, deshalb suche jetzt den Kontakt.“
Stammkunden und Plausch am Stand
Viele Gesichter, die an seinem Stand vorbeischauen, kennt Wolfgang Richter inzwischen. Geredet wird über alles Mögliche – übers Wetter, die Enkelkinder und natürlich darüber, welcher Honig am besten schmeckt. Erst als die Händler ringsum ihre Stände abbauen und mit den Wagen davonrollen, packt auch er ein. Er klappt die Plane seines Anhängers herunter und macht sich zufrieden auf den Heimweg nach Goldenbow. Nächsten Mittwoch ist er wieder da.