Marc-Andre Bolte ist 34 Jahre alt und gehört in diesem Jahr zu den besten Tischlergesellen Westmecklenburgs. Die Kreishandwerkerschaft Westmecklenburg-Süd zeichnete ihn aus. Sein Weg dorthin war ungewöhnlich: Nach dem Abitur in Bremen studierte er zunächst Mathematik und Physik in Hannover, brach das Studium nach vier Semestern ab und wechselte nach Göttingen, um Theologie zu studieren. Auch dieses Studium beendete er nicht – heute arbeitet er als Tischlergeselle in Crivitz.
Zweifel an der Zukunft der Kirche
Die Entscheidung für das Theologiestudium hatte weniger mit dem klassischen Pfarrberuf zu tun als mit seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der evangelischen Kirchenjugend. Dort erlebte er, wie viel sich bewegen lässt, wenn junge Menschen einen Ort haben, an dem sie ernst genommen werden. Es ging ihm um Gemeinschaft, Gespräche und die großen Fragen des Lebens.
Während des Studiums in Göttingen kamen jedoch Zweifel am Wandel der Kirche auf. Die vielen Kirchenaustritte bestärkten seine Sorgen. Allein die Evangelische Kirche in Deutschland verzeichnete 2025 rund 350.000 Kirchenaustritte. „Das wäre vielleicht noch zehn Jahre gut gegangen“, aber jenseits der 40 wollte er nicht noch einmal eine Ausbildung anfangen, gibt Bolte zu. Er brach das Theologiestudium ab und entschied sich für das Tischlerhandwerk.
Schwieriger Start im Handwerk
Sein Neustart in Putlitz in Brandenburg gestaltete sich anders als erwartet. Statt mit Holz und Maschinen zu arbeiten, musste er zunächst vor allem eines tun: fegen. „Wer ein Handwerk lernen will, muss zunächst verstehen, wie der Betrieb funktioniert. Auch Fegen gehöre dazu, aber keiner sei in seinem Betrieb gefördert worden und trotz mehrmaliger Ansprache habe sich daran ‚gar nichts geändert‘“, erzählt Bolte.
Nach einem halben Jahr und unzähligen Versuchen, mit dem Geschäftsführer ins Gespräch zu kommen, bat er die Handwerkskammer in Potsdam um Unterstützung – doch die blieb aus. „Sie meinten, so Bolte weiter, dass man das erst einmal aushalten müsse.“ Das könne er nicht nachvollziehen, „denn das Handwerk sucht Nachwuchs und wenn man den dann nicht fördert, dann kann daraus nicht viel werden.“
Neustart in Crivitz
Daraufhin bewarb er sich bei allen umliegenden Tischlereien in der Prignitz auf eigene Faust. Da die meisten bereits Auszubildende hatten, erhielt er nur Absagen. Über einen privaten Zufall gelangte er schließlich an die „Tischlerei Neick“ in Crivitz, die auf individuellen Möbelbau spezialisiert ist. Das Team um Tischlermeister Sven-Oliver Neick kümmert sich um Innenausbau, Restaurationen und Reparaturen. Hier habe er seine Berufung gefunden: „Da nehme ich die Stunde Arbeitsweg auch gerne in Kauf.“
Zukunft mit Meisterplan
Sein Weg vom Theologiestudenten zum Tischler wirkt wie ein radikaler Bruch – einerseits Bücher und Seminare, andererseits Holz und Werkstatt. Bei genauerem Hinsehen verbindet beide Stationen jedoch etwas: Es geht um Menschen und darum, etwas aufzubauen. Auf lange Sicht möchte er den Meister machen und selbst ausbilden, damit es anderen besser ergeht als ihm am Anfang.