Bergbau verbindet man in Norddeutschland selten mit Mecklenburg. Doch am Wanzeberg bei Malliß wurde ab 1817 Braunkohle gefördert. Aus Stollen und Schächten kam Brennstoff für Ziegeleien, Sägewerke, Werften und Haushalte. Das Vorkommen war das größte bekannte seiner Art in Mecklenburg-Vorpommern.
Zwischen 1817 und 1960 wurden aus dem Ober- und Unterflöz zusammen rund 1,45 Millionen Tonnen Kohle gewonnen. Zum Revier gehörten Schächte, Stollen, Förderbahnen, Stichkanäle zur Elde und ein Bergbaugelände von etwa 120 Hektar.
Vom Alaunton zur ersten Kohle
Die Geschichte begann nicht mit Kohle. In der Gegend um Malliß und Conow wurden schon früh andere Bodenschätze genutzt: Salz, Ton und Alaun. Alaun wurde unter anderem beim Gerben und Färben gebraucht. Als am Wanzeberg dunkle, bituminöse Schichten auftauchten, lag der Verdacht nahe, dass dort auch Kohle liegen könnte.
Herzog Friedrich Franz I. ließ den Wanzeberg 1790 untersuchen. Der Geologe Carl Zintgraff legte Schürfstollen an und fand tatsächlich Braunkohle, zunächst aber nur in dünner Lage. Erst Bohrungen im Jahr 1817 wiesen ein abbauwürdiges Vorkommen nach. Damit begann die Friedrich-Franz-Zeche, das erste Braunkohlenbergwerk von Malliß.
Warum hier überhaupt Kohle lag
Der Grund liegt tief unter der Erde. Unter Conow befindet sich ein Salzstock, eine große Salzmasse, die aus tieferen Schichten nach oben gedrückt wurde. Dabei hob sie die darüberliegenden Erdschichten an. So entstand der Wanzeberg, der sich 30 bis 40 Meter aus der flachen Umgebung erhebt.
In diesen angehobenen Schichten lagen mehrere Kohlelagen. Bergleute nennen solche Schichten Flöze. In Malliß wurden drei Flöze nachgewiesen, zwei davon waren für den Abbau geeignet: das Oberflöz und das Unterflöz. Das Unterflöz war im Durchschnitt etwa 2,5 und damit einen Meter stärker als das Oberflöz und lieferte die bessere Kohle.
Wasser erschwerte fast jeden Abbauversuch
Schon die ersten Arbeiten zeigten, wie schwierig dieses Revier war. Ein Schacht am Elde-Ufer musste aufgegeben werden, bevor die Kohle erreicht war, weil Wasser in die Grube drückte. Später half eine sogenannte Roßkunst: eine von Pferden angetriebene Pumpanlage, die Grubenwasser nach oben beförderte.
Wasser blieb das größte Problem. 1865 zwang ein Einbruch von Grubenwasser die Belegschaft zur Flucht; erst zwei Jahre später konnte wieder gefördert werden. Die erste Betriebsphase endete 1838 mit Verlusten: Mehr als 25.000 Taler Kosten standen nur gut 1.300 Talern Einnahmen aus dem Kohleverkauf gegenüber.
Handarbeit in engen, nassen Strecken
Unter Tage wurde die Kohle mit Keilhauen gelöst, also mit schweren bergmännischen Hacken. Gesprengt wurde in Malliß nicht. Die Bergleute arbeiteten in engen, mit Holz abgestützten Strecken. Beim Pfeilerbruchbau ließ man zunächst Kohlepfeiler stehen, die das Deckgebirge trugen. War die Kohle gewonnen, wurden Stützen entfernt, und der Hohlraum brach nach.
Diese Methode hinterließ Spuren bis an die Oberfläche. Wo unter Tage Hohlräume nachgaben, entstanden Senken oder trichterförmige Einbrüche. Gefährlich war auch sauerstoffarme Luft, von Bergleuten „matte Wetter“ genannt. Sie zeigte sich am Flackern, Rußen oder Erlöschen der Grubenlampen. Dann musste der Bereich sofort verlassen werden.
Der Marienstollen brachte große Vorteile
Ein wichtiger Schritt war der Marienstollen am Südhang des Wanzeberges. Er wurde ab 1873 angelegt und 1874 nach Großherzogin Marie benannt. Der Stollen erschloss vor allem das ergiebigere Unterflöz. Zugleich diente er der Entwässerung, weil Grubenwasser dem Gefälle folgen und in Richtung Elde ablaufen konnte.
Das senkte den technischen Aufwand. Pumpen waren teuer und bei den Mallißer Wasserverhältnissen oft überfordert. Der Marienstollen machte den Abbau planbarer. Zugleich rückte das Bergwerk näher an die wachsende Industrie der Umgebung, besonders an die Ziegelei, die große Mengen Brennstoff benötigte.
Kanäle führten Kohle zur Elde
Die Mallißer Ziegelei wurde in den 1870er-Jahren stark erweitert. Um Kohle und Material zu transportieren, entstanden Stichkanäle zum Elde-Kanal. Einer führte zur Ziegelei, ein weiterer in Richtung Marienstollen. Lastkähne brachten Holz und andere Güter heran und transportierten Kohle ab.
Die Kohle wurde vor Ort verfeuert, aber auch weiter verschifft. Sie ging eldeaufwärts bis Malchow und eldabwärts in Orte an Elde und Elbe. Zwischen 1873 und 1900 wurden im Marienstollenfeld etwa 155.000 Tonnen gewonnen, dazu kamen rund 45.000 Tonnen aus benachbarten Schächten. 1908 war trotzdem Schluss: Die billigere Braunkohle aus Mitteldeutschland setzte das Revier wirtschaftlich unter Druck.
Nach Kriegen stieg der Bedarf
Nach dem Ersten Weltkrieg kam der Abbau erneut in Gang. Die Gewerkschaft Conow betrieb in der Nähe ein Kaliwerk und brauchte Brennstoff für ihre Kesselanlagen. 1922 wurde der Conow-Stollen I eingerichtet. Eine Kettenbahn zog die Förderwagen aus dem Berg; jeder Wagen fasste rund 450 Kilogramm Kohle.
Bis 1926 wurden etwa 155.000 Tonnen gefördert, fast ausschließlich für das Kaliwerk. Als dieses stillgelegt wurde, endete auch der Braunkohleabbau wieder. Die nächste Wiederbelebung folgte nach 1945. Heizmaterial war knapp, Haushalte und Betriebe brauchten Brennstoff. Bergwerksdirektor Friedrich Prinz machte die Landesverwaltung auf das Vorkommen aufmerksam. Die sowjetische Militäradministration drängte auf schnelle Förderung.
Der Neustart begann mit Problemen
Der Neubeginn nach dem Krieg war schwierig. Mehrere Schachtversuche scheiterten an Wasser, Schwimmsand und instabilem Boden. Auch chemische Verfestigungen mit Wasserglas und Chlormagnesium brachten nicht den gewünschten Erfolg. Erst über neue Schächte und Stollen gelang es, den Abbau wieder aufzubauen.
Ab 1948 kamen der Malliß-Schacht und mehrere Conow-Stollen hinzu. In den 1950er-Jahren erreichte der Bergbau seine höchsten Fördermengen. Der Conow-Stollen V wurde zur wichtigsten Anlage. 1958 förderte das Werk 105.791 Tonnen Braunkohle. Im selben Jahr arbeiteten durchschnittlich 261 Menschen im Betrieb.
Diese Kohle machte Abnehmern Probleme
Die Mallißer Braunkohle hatte Eigenheiten. Sie enthielt viel Wasser, oft etwa die Hälfte ihres Gewichts, und einen hohen Anteil feiner Kohle. Dieser feine Anteil wurde Gruskohle genannt. In Feuerungsanlagen, die für Steinkohle gebaut waren, fiel ein Teil unverbrannt durch die Roste. Das erschwerte den Absatz.
Briketts ließen sich aus der Mallißer Kohle kaum herstellen. Struktur und Inhaltsstoffe eigneten sich nicht dafür. Dennoch fanden sich Abnehmer, nachdem Betriebe ihre Kesselanlagen angepasst hatten. Zu den Kunden gehörten später unter anderem die Warnowwerft in Warnemünde, die Volkswerft Stralsund, die Mathias-Thesen-Werft Wismar, das Dieselmotorenwerk Rostock, die Ziegelwerke Malliß und die Fliesenwerke Boizenburg.
Warum das Bergwerk schließen musste
Der Niedergang zeichnete sich Ende der 1950er-Jahre ab. Neue Bohrungen zeigten Verwerfungen im Gebirge, dünner werdende Kohlelagen und schwierige Wasserverhältnisse. Je tiefer die Bergleute vordrangen, desto aufwendiger wurde die Entwässerung. Eine stärkere Mechanisierung war kaum möglich, weil die Lagerstätte unregelmäßig verlief und die Strecken eng blieben.
Am 31. März 1960 wurde der Braunkohlenbergbau in Malliß eingestellt. In der Nachkriegsphase waren aus dem Unterflöz noch einmal rund 914.500 Tonnen Kohle gefördert worden. Rechnet man die früheren Betriebsphasen hinzu, kommt das Revier auf rund 1,45 Millionen Tonnen.
Was bis heute geblieben ist
Das ehemalige Bergbauareal umfasst rund 120 Hektar. Unter der Oberfläche liegen alte Strecken, Schächte und Hohlräume. Deshalb gibt es bis heute Senkungen und Bodeneinbrüche. Absperrungen und Warnschilder sollten ernst genommen werden, denn solche Einbrüche können mehrere Meter tief sein.
Der bekannteste Erinnerungsort ist der Marienstollen. Sein Mundloch war verschüttet und wurde 1996 freigelegt und rekonstruiert. Dabei kamen Schmuckelemente und eine Tafel mit dem Bergmannsgruß „Glück auf“ zum Vorschein. Fundstücke befinden sich im Regionalmuseum Neu Kaliß. Auch Bergbau-Denkmale, alte Kanaltrassen und das Infozentrum zur Industriekultur erinnern daran, dass in Malliß fast eineinhalb Jahrhunderte lang unter Tage gearbeitet wurde.