65 Jahre Mauerbau: Flucht und Tragödie am Goldensee
65 Jahre Mauerbau: Flucht und Tragödie am Goldensee

Am idyllischen Goldensee bei Groß Thurow im Landkreis Nordwestmecklenburg erinnern sich Zeitzeugen an dramatische Ereignisse während der deutschen Teilung. Werner Daubner und Eveline Retzlaff sitzen auf einer Bank am See, in dem sie früher nicht schwimmen durften. „Was habe ich geweint, als wir das erste Mal hier waren“, erzählt Eveline Retzlaff. „Diese Erinnerungen, diese Emotionen – es war wirklich heftig.“

Flucht durch ein Abwasserrohr

Im September 1975 flieht Werner Daubner im Alter von 19 Jahren in den Westen. In einer Gewitternacht schwimmt er durch den Goldensee in die Freiheit. „Ich wollte selbst entscheiden, was für mich richtig oder falsch ist“, sagt er. Eveline, damals 15 Jahre alt und seine große Liebe, weiß nichts von dem Plan. Am Tag seiner Flucht wartet sie vergeblich auf ihn. „Ich war tierisch aufgeregt, hatte mich zurechtgemacht und habe gewartet“, erinnert sie sich. Tage später klingelt die Staatssicherheit bei ihr. „Natürlich wurde ich vernommen. Die sind irgendwann gegangen, kamen aber nachts nochmal wieder.“

Daubner kennt die Gegend, weil er in Dutzow aufgewachsen ist, einem Dorf im Sperrgebiet. Durch den Goldensee verläuft die Staatsgrenze zwischen DDR und Bundesrepublik. Mehrere hundert Meter vor dem Ufer liegen Grenzzaun, Todesstreifen und der Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen. Er nutzt ein unterirdisches Abwasserrohr, das unter dem Todesstreifen und dem Grenzzaun verläuft. „Es war ein Betonrohr, Innendurchmesser 600 Millimeter“, erzählt er 51 Jahre später. Das Rohr ist teilweise mit Sand gefüllt, sodass nur 400 Millimeter Platz bleiben. „Damals war ich schlank.“

Tragischer Tod eines Zehnjährigen

Die Grenze am Goldensee hat auch ein tragisches Kapitel. Am 31. Januar 1951 erschießen DDR-Grenzpolizisten den zehnjährigen Harry Krause. Der Junge läuft auf dem zugefrorenen See Schlittschuh und kommt nahe an das Westufer. Ein Beamter gibt einen Schuss ab, Harry bricht auf dem Eis zusammen. Andere Kinder alarmieren den Vater, der den reglosen Körper mit einem Schlitten nach Groß Thurow bringt. Unter großer Anteilnahme der Dorfbewohner wird Harry im nahen Roggendorf bestattet. Die Staatsanwaltschaft Schwerin lehnt eine Anklage ab: „Es liegt keine strafbare Handlung vor, sondern eine Verkettung unglücklicher Umstände, also ein Unglücksfall.“ Wenige Monate später werden die Eltern und Geschwister zwangsausgesiedelt.

Andreas Wagner, Leiter des Museums „Grenzhus“ in Schlagsdorf, sieht den Vorfall exemplarisch für das Vorgehen an der Grenze: „Es zeigt, wie von Anfang an versucht wurde, mit wirklich brutaler Gewalt diese Grenze als eine Trennlinie zu etablieren und durchzusetzen.“

Wiedersehen nach 39 Jahren

Werner Daubner schafft die Flucht nach zwei Stunden Tortur durch das Rohr. „Das Schlimmste waren die letzten drei, vier Meter, wo ich wirklich gedacht habe: Du kannst nicht mehr zurück, du kannst nicht weiter nach vorne.“ Sein Körper ist blutig aufgekratzt, doch ein Brennnessel-Wald macht ihm nichts aus: „Mein Adrenalinspiegel hat mich schmerzfrei gemacht.“ Unbemerkt erreicht er den See und schwimmt in den Westen. In Nordrhein-Westfalen findet er eine neue Heimat. Nach dem Mauerfall kehrt er regelmäßig zurück, besucht Familie und Freunde – aber nicht Eveline, die in Berlin lebt, verheiratet ist und Kinder hat. Er respektiert das und weiß nicht, dass sie ihn nie vergessen hat.

Im Januar 2014 ruft er sie an. „Meine Reaktion …“, stockt Eveline Retzlaff auf der Bank am Goldensee, blickt zu Werner Daubner, der nickt. „Sag’s ruhig!“ – „Du blödes Arschloch, weißt du, wie sehr ich dich damals geliebt habe? Und was du mir angetan hast?“ Die beiden treffen sich, sprechen sich aus. Heute sind sie wieder ein Paar und leben gemeinsam in Schwerin. Über seine Flucht hat Daubner das Buch „Drüben“ geschrieben und steht im „Grenzhus“ für Zeitzeugengespräche zur Verfügung.

Für Museumsleiter Andreas Wagner haben beide Geschichten eine Gemeinsamkeit: „Sie zeigen, dass sich die innerdeutsche Grenze gegen die Menschen, gegen die eigene Bevölkerung richtete.“ Es sei wichtig, die Erinnerung wachzuhalten. „Mehr als 300.000 Menschen haben im Sperrgebiet gelebt, mehrere 100.000 Menschen haben in den Grenztruppen gedient, zehntausende haben eine Flucht riskiert, über 11.000 Menschen wurden zwangsausgesiedelt.“ Die Grenze habe unheimlich viele Leben geprägt.