Selbsthilfe in Neubrandenburg: Gemeinsam gegen Rheumaschmerz
Selbsthilfe in Neubrandenburg gegen Rheumaschmerz

In Neubrandenburg treffen sich regelmäßig Menschen mit rheumatischen Erkrankungen, um sich auszutauschen, zu bewegen und gegenseitig zu unterstützen. Vier Selbsthilfegruppen arbeiten in der Stadt zusammen: die Rheuma-Liga sowie Gruppen für Menschen mit Morbus Bechterew, Fibromyalgie und Osteoporose. Zum Welt-Rheuma-Tag am 12. Oktober versammelten sich Betroffene in den Räumen der Rheuma-Liga in der Katharinenstraße und erzählten von ihren Erfahrungen.

Von der Diagnose zur Gemeinschaft

Anke Ahlhelm (61) kennt seit 2005 Schmerzen ohne klare Erklärung. Bis zur Diagnose Fibromyalgie vergingen Jahre. „Wenn du krank bist, ziehst du dich zurück“, sagt sie. Seit 2022 lebt sie in Neubrandenburg und besucht die Selbsthilfegruppe. Sie macht Qigong, nimmt an Frühstücken und Ausflügen teil. „Hier freue ich mich über jedes neue Gesicht.“

Kerstin Rosenstädt war Pflegedienstleiterin in Burg Stargard, bis ihr mit 46 Jahren Gegenstände aus der Hand fielen und ihre Schrift unleserlich wurde. „Von 120 Prozent auf null“, beschreibt sie den Einschnitt. Über ihre Ergotherapie kam sie zur Gruppe. „Allein schon, dass man einen festen Termin hat in der Woche“, habe geholfen. Mit 47 stellte sie einen Rentenantrag. Inzwischen gehe es ihr körperlich und seelisch besser: „Ich bin hier willkommen, ich bin hier viel offener geworden.“

Ärztliche Sicht: Selbsthilfe als Ergänzung

Dr. Michaela Berndt, Oberärztin der Rheumatologie am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum, sieht Selbsthilfegruppen als „unabdingbare Ergänzung zur ärztlichen Versorgung“. Nach der Diagnose einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung seien viele Patienten zunächst schockiert. Neben der Behandlung blieben Fragen offen: Kann ich weiterarbeiten? Meine Familie versorgen? Im ärztlichen Alltag bleibe oft nicht genug Zeit für alles.

Marion Hettfleisch, ehemalige Mitarbeiterin einer Kindereinrichtung, hat Gelenkrheuma. Im Eine-Welt-Laden erfuhr sie von der Gruppe. „Dann bin ich hier einfach angetrabt und fühlte mich gleich herzlich willkommen.“ Heute erhält sie Unterstützung bei Anrufen, Mails und Terminen: „Endlich habe ich jemanden, mit dem ich reden kann.“

Bewegung und Austausch

Ingo Bachmann (63) leitet seit 24 Jahren die Neubrandenburger Gruppe der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew. Bewegung, Begegnung, Beratung – so beschreibt er die Arbeit. Bei den Treffen gibt es Erfahrungen mit Rehakliniken und Hinweise zur Facharztsuche. Regelmäßig stehen Wasser- und Trockengymnastik auf dem Programm. „Hier können sich die Betroffenen sehr viel intensiver austauschen“, sagt er.

Sibylle Riemann (69) bestätigt das: „Zu Hause ist da immer der innere Schweinehund.“ Ihre Beschwerden begannen 1981, die Diagnose Morbus Bechterew erhielt sie 1997. Heute ist sie stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew und macht regelmäßig Wassergymnastik. Manche scheuten den Kontakt zur Selbsthilfe, sagt sie: „Das sind doch nur alte Leute, die jammern.“ Sie selbst habe es anders erlebt.

Angebote und Zukunft

Die Rheuma-Liga zählt nach Angaben ihrer Leiterin Petra Schmelzer rund 95 Mitglieder, etwa 25 treffen sich regelmäßig. Zum Programm gehören Beratung, Vorträge, Qigong-Einheiten, Spielenachmittage und Tagesausflüge. Künftig wolle man sich stärker für Berufstätige öffnen. Rita Wrege (73) kümmert sich um das Funktionstraining und erhielt beim Treffen eine Ehrenamtskarte.

Ärzte und Gruppen arbeiten auch bei Informationsveranstaltungen zusammen. Die Treffen im HKB 2023 und 2025 fanden laut Michaela Berndt großen Zuspruch. Eine weitere Veranstaltung ist für 2027 geplant. Manche Wege in die Gemeinschaft beginnen kleiner: mit einer Empfehlung des Arztes, einem Gespräch beim Einkaufen oder einem ersten Kaffee mit Gleichgesinnten.