Ein eingeschalteter Heizkocher hat am 6. Oktober 1964 auf der Mathias-Thesen-Werft in Wismar einen Großbrand ausgelöst. Gegen 7.35 Uhr brannte eine einstöckige Lagerbaracke aus Stein vollständig aus. Das Gebäude war etwa 40 mal 20 Meter groß und wurde komplett zerstört. In den DDR-Unterlagen wurde der Schaden auf rund eine Million Mark der Deutschen Notenbank beziffert.
Feuer vernichtet Ausrüstung für Schiffe
In der Baracke befanden sich Lager-, Büro- und Umkleideräume. Vernichtet wurden vor allem Teile für funktechnische Anlagen, die unter anderem für das Passagierschiff „Iwan Franko“ und das Fang- und Verarbeitungsschiff 280 vorgesehen waren. Die Ermittlungen von Volkspolizei und weiteren Stellen ergaben, dass der Brand fahrlässig verursacht wurde.
Heizgerät unter dem Schreibtisch
Eine Lagerverwalterin der RFT-Aussenstelle hatte nach Arbeitsbeginn in ihrem Büro einen elektrischen Kocher unter den Schreibtisch gestellt. Nach ihrer Angabe wollte sie sich daran die Füße wärmen. RFT stand in der DDR für Rundfunk- und Fernmelde-Technik; auf der Werft ging es um Funk- und Kommunikationstechnik für Schiffe. Gegen 7.20 Uhr verließ sie den Raum, ohne den Kocher auszuschalten, und ging zum Telefonieren in einen Nebenraum. Als sie etwa 45 Minuten später zurückkam, brannte es bereits in ihrem Arbeitszimmer. Sie rief Hilfe, doch wegen starker Rauchentwicklung konnten die Flammen mit Feuerlöschern nicht mehr erfolgreich bekämpft werden.
Ausbreitung begünstigt
Mehrere Umstände begünstigten die schnelle Ausbreitung. In der Nähe des Kochers stand ein Pappkarton mit Abfällen. Außerdem hatte die Baracke einen stark geölten Holzfußboden. Diese Details sind in den Unterlagen ausdrücklich genannt. Gegen die Lagerverwalterin wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Brandstiftung eingeleitet. Nach dem Vorfall musste sie in ein Krankenhaus eingeliefert werden; laut Quelle war sie herzkrank.
Bedeutung für den DDR-Schiffsbau
Der Brand traf Material für Schiffe, die damals für die Werft von Bedeutung waren. Besonders auffällig ist der Zusammenhang mit der „Iwan Franko“. Das Passagierschiff war 1963 in Wismar vom Stapel gelaufen und wurde im November 1964 von der sowjetischen Black Sea Shipping Company übernommen. Die „Iwan Franko“ wurde später für Kreuzfahrten und auch im Liniendienst eingesetzt, unter anderem zwischen Leningrad und Montreal. Bis 1972 folgten vier Schwesterschiffe derselben Klasse. Das Schiff blieb bis 1997 im Einsatz und wurde anschließend im indischen Alang abgewrackt.
Die Mathias-Thesen-Werft gehörte zu den wichtigen Schiffsbaustandorten der DDR. Ihre Nachkriegsgeschichte begann 1946 mit einem Schiffsreparaturwerk der Roten Armee. 1947 wurde der Betrieb an die deutsche Landesverwaltung übergeben. Seit 1951 trug er den Namen VEB Mathias-Thesen-Werft Wismar. Seit den 1950er-Jahren wurden dort zahlreiche Hochseeschiffe für die DDR, andere Staaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und den internationalen Markt gebaut. 1960 lief in Wismar mit der „Fritz Heckert“ der einzige Kreuzfahrtschiff-Neubau der DDR vom Stapel. Vor diesem Hintergrund war der Brand von 1964 kein Randereignis: Er zerstörte Ausrüstung in einem Betrieb, der für den DDR-Schiffsbau eine zentrale Rolle spielte.