Die Steckenpferd-Bewegung half der DDR ab 1958, mit zusätzlichen Exporten Devisen für den Kauf gebrauchter Frachter zu beschaffen. Die Kampagne, die von einem Seifenbetrieb ausging, weitete sich schnell zu einer landesweiten Aktion aus. Sie endete jedoch 1960, nachdem ein Mangel an Babywindeln im Inland auftrat.
Ursprung und Verlauf der Kampagne
Am 5. Januar 1959 wurde in Warnemünde ein gebrauchter Frachter an die Deutsche Seereederei Rostock übergeben. Er trug den Namen „Steckenpferd“, nach einer bekannten Seifenmarke aus Radebeul. Die Bewegung begann 1958 mit einer Selbstverpflichtung im VEB Steckenpferd: Die Belegschaft wollte den Exportplan um 100.000 US-Dollar übererfüllen, um damit ein gebrauchtes Handelsschiff zu kaufen.
Aus diesem Vorstoß entwickelte sich binnen kurzer Zeit eine DDR-weite Aktion, an der sich rund 1600 Betriebe beteiligten. An der Ostseeküste wurden die angekauften Schiffe tatsächlich sichtbar.
Devisenmangel und Ankauf gebrauchter Schiffe
Mitte der 1950er-Jahre war der Aufbau einer eigenen Hochseehandelsflotte in der DDR umstritten. Manche Planer hielten Seeschifffahrt für verzichtbar und meinten, andere Länder könnten Transporte über See übernehmen. Dagegen stand das Kostenargument: Wer fremde Reeder bezahlte, brauchte Devisen, an denen es mangelte.
Der Außenhandel der DDR lief überwiegend über sozialistische Länder und Verrechnungswährungen. Frei konvertierbare Devisen machten nur einen kleinen Teil der Einnahmen aus. Gebrauchte Frachter und Tanker waren auf dem Weltmarkt vor allem gegen harte Währungen zu bekommen. Deshalb entstand Ende 1957 ein „Valuta- und DM-Fonds Zusatzflotte“, der Geld für den Ankauf gebrauchter Schiffe sammeln sollte.
Der VEB Steckenpferd als Vorzeigebetrieb
Der VEB Steckenpferd ging auf die 1885 gegründete Feinseifen- und Parfümfabrik Bergmann & Co. zurück. Bekannt war besonders die Steckenpferd-Lilienmilchseife. Auch nach der Enteignung 1950 blieb das Markenzeichen erhalten. Der Betrieb exportierte viel; 1959 sollen rund 70 Prozent der Seifen in 23 Länder gegangen sein.
Damit eignete sich der Betrieb als Vorzeigebeispiel. Nach einem Artikel über die Devisenprobleme beim Schiffskauf entstand die Idee, den erfolgreichen Kosmetikbetrieb öffentlich vorangehen zu lassen. Im Außenhandelsministerium gab es zunächst Kritik an der Selbstverpflichtung. Minister Heinrich Rau erkannte jedoch den Nutzen für die öffentliche Darstellung. Im Juni 1958 brachte die Presse die Bewegung in Gang.
Die Schiffe der Bewegung
Als eigentliche Schiffe der Steckenpferd-Bewegung gelten heute sieben Einheiten. Vier Frachter kamen zuerst: „Kap Arkona“, „Stubbenkammer“, „Steckenpferd“ und „Stoltera“. Im Jahr 1960 folgten die Tanker „Rositz“, „Schwarzheide“ und „Lützkendorf“. Viele Käufe liefen über Schweden, das im Kalten Krieg als neutraler Markt galt. Die „Steckenpferd“ selbst war bereits 1936 in England gebaut worden und wurde vor der Übergabe an die DSR auf der Warnowwerft umgebaut.
Die Indienststellung der „Steckenpferd“ wurde von der DEFA-Wochenschau gefilmt. Außenhandelsminister Heinrich Rau sprach im Hafen von Warnemünde, Kapitän Walter Jenß übernahm das Schiff, danach wurde der DSR-Wimpel gesetzt. In Wismar wurde die neue Alttonnage ebenfalls sichtbar, etwa die „Kap Arkona“ im Hafen längsseits der „Theodor Körner“. Die Häfen mussten die Schiffe umbauen, ausrüsten und für die Linien der Deutschen Seereederei vorbereiten. Die Tanker „Schwarzheide“ und „Lützkendorf“ halfen zudem bei der Ölversorgung, weil größere Tanker den Wismarer Hafen nicht direkt anlaufen konnten.
Alltag und Folgen
Für die Besatzungen waren die gebrauchten Schiffe kein komfortabler Neuanfang. Viele waren technisch betagt, hatten Handdeckel-Luken, einfache Unterkünfte und schwere körperliche Arbeit. Klimaanlagen fehlten. In warmen Fahrtgebieten wurde das zur Belastung. Zeitzeugen beschrieben später den Alltag auf der Alttonnage als anstrengend, aber prägend.
Die offizielle Darstellung ließ einen wichtigen Punkt aus: Betriebe meldeten zusätzliche Exportleistungen, deren Wert in Mark der DDR notiert wurde. Die tatsächlichen Einnahmen kamen aber in unterschiedlichen Währungen. Nur ein Teil davon war frei konvertierbar und damit unmittelbar für den Schiffskauf verwendbar. Hätten die Verantwortlichen diesen Unterschied öffentlich erklärt, hätte die Bewegung an Glaubwürdigkeit verloren.
Die Folgen zeigten sich im Binnenhandel. Was zusätzlich exportiert wurde, stand im Inland nicht immer zur Verfügung. Besonders deutlich wurde das bei einem Betrieb, der Babywindeln herstellte. Er gab offenbar Kontingente, die für den DDR-Handel vorgesehen waren, als Beitrag zur Steckenpferd-Bewegung in den Export. Die Folge war ein DDR-weiter Mangel an Windeln. Damit wurde die Kampagne politisch heikel. 1960 wurde die Steckenpferd-Bewegung zunehmend gestoppt. Ende November meldete die Presse noch zusätzliche Waren im Umfang von 795 Millionen Mark für den Außenhandel. Danach verschwand das Thema weitgehend aus der Tagespresse.
Offiziell wurde der Erfolg der Bewegung trotzdem weiter beworben. Der FDGB stellte sogar Urlauberschiffe wie die „Völkerfreundschaft“ in diesen Zusammenhang, obwohl sie im engeren Sinne nicht zu den Steckenpferd-Schiffen der Handelsflotte gehörte. Die tatsächlichen Steckenpferd-Schiffe hatten oft kurze Laufbahnen. Die „Kap Arkona“ sank 1964 nach einer Kollision vor Belgien. Die „Stubbenkammer“ ging 1967 vor Hoek van Holland verloren; ein Besatzungsmitglied starb. Die „Steckenpferd“ wurde 1968 verkauft und 1973 in Taiwan abgewrackt.