Im Mordprozess um den getöteten achtjährigen Fabian aus Güstrow hat der psychiatrische Gutachter Peter Keiper der Angeklagten Gina H. volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Die 30-Jährige sei zur Tatzeit weder in ihrer Einsichtsfähigkeit noch in ihrer Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen, sagte der Neurologe und Psychiater aus Rostock am Donnerstag im Landgericht Rostock.
Gutachter zeichnet düsteres Persönlichkeitsbild
Keiper beschrieb die Angeklagte als „emotional gestört“. Sie habe ein großes Bedürfnis, als kompetente und begehrenswerte Frau zu erscheinen, sei weitgehend gefühllos und manipulativ, könne aber Alltagsroutine entwickeln und für ihre Pferde und ihren eigenen Sohn funktionieren. Ihr reserviertes Verhalten an den 32 Prozesstagen habe ihn gewundert, er nannte es „eher trotzige Ablehnung“. Wirkliche Gefühle habe sie nur gezeigt, als ihr Ex-Freund – Fabians Vater – und ihre jüngere Schwester als Zeugen aussagten.
Die Angeklagte leide seit Jugendzeiten an einer „emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus“, so der Gutachter. Dazu kämen geringe psychopathische Tendenzen wie manipulatives Verhalten und ein verzerrtes Selbstbild. Diese Probleme seien unter anderem in der Kindheit begründet. Gina H. ist die älteste von zwei Töchtern einer Frau, die zeitweise in Niedersachsen allein lebte und ständig wechselnde Partnerschaften gehabt haben soll. Die Mädchen wuchsen später bei den Großeltern in Reimershagen bei Güstrow auf.
„Hochmanipulativ“: Angeklagte versuchte auch Gutachter zu beeinflussen
Keiper berichtete, die Angeklagte habe große Angst vor dem Verlassenwerden. Sie habe sich rund um Reimershagen ein Umfeld von fünf Männern geschaffen, die sich um sie und ihre Pferde gekümmert hätten. Darunter waren auch zwei Nachbarn, die sich sexuelle Hoffnungen gemacht hatten und mit denen sie drei Tage nach Fabians Verschwinden an dem Wasserloch bei Klein Upahl war, wo später die angebrannte Leiche des Jungen gefunden wurde. Dieser Leichenfund am 14. Oktober 2025 hatte sie der Polizei besonders verdächtig erscheinen lassen.
Der Gutachter fügte hinzu, dass die Angeklagte sogar ihn selbst bei einem Gespräch in der JVA habe manipulieren wollen. Sie sei statt in weiter Gefängniskleidung mit einer sehr engen Reiterhose und einer engen Jacke mit weitem Ausschnitt erschienen. Auf seine Nachfrage, was das solle, habe sie reagiert. Keiper nannte ihr Verhalten „hochmanipulativ“. Sie habe zudem die Erfahrung gesammelt, sie bekomme immer, was sie wolle, wenn sie sich als hilflos darstelle.
Intelligenzquotient von 76, Suizidversuche als Aufmerksamkeitssuche
Keiper begutachtete die Angeklagte zusammen mit einer Psychologie-Kollegin. Dabei erreichte die kooperative 30-Jährige einen Intelligenzquotienten von 76, was einer leichten Lernbehinderung entspricht. Eine Intelligenzminderung bestehe erst ab einem Wert von 69. Es falle ihr schwer, sich auf unbekannte soziale Kontakte einzulassen, solange sie diese nicht kontrollieren könne.
Gina H., die Ex-Freundin von Fabians Vater, wird von der Staatsanwaltschaft „heimtückischer Mord“ vorgeworfen, was sie energisch bestreitet. Der Vater hatte sich im August 2025 nach jahrelangem Streit von ihr getrennt. Danach kam es bei ihr zu zwei Suizidversuchen mit Schlaftabletten und Messerritzen am Arm, bei denen sie rechtzeitig gefunden wurde. Auch dies sei eher der Versuch gewesen, Aufmerksamkeit zu bekommen, sagte Keiper.
Verteidigung stellt Motiv infrage, Urteil für November erwartet
Laut Staatsanwaltschaft soll die Pferdesportlerin den Jungen am 10. Oktober 2025 von zu Hause in Güstrow abgeholt, ihn an einem einsamen Tümpel zwischen Reimershagen und Klein Upahl erstochen und seine Leiche in Brand gesetzt haben. Unklar blieb, woher sie wusste, dass der Junge an diesem Freitag allein zu Hause war. Als Motiv sieht die Anklagebehörde, dass der Junge ihrer Partnerschaft mit dem 35-jährigen Ex-Freund im Weg gewesen sein könnte. Die Verteidigung stellt dies grundsätzlich infrage, da ihre Mandantin sich im Oktober 2025 psychisch weitgehend gefangen hatte.
Die Frau arbeitet wegen psychischer Probleme nicht regulär und lebt von einer Rente von etwa 1400 Euro wegen Erwerbsminderung. Sie hat einen eigenen Sohn in Fabians Alter, keinen Kontakt zu dessen Vater und lebt bei den betagten Großeltern. Bis zu ihrer Verhaftung im November 2025 war sie mit Erfolg in der regionalen Reitsportszene aktiv.
Keiper sagte abschließend, die „mögliche Tat“ sei nicht Symptom einer psychischen Störung, dies sei aber nur eine Hypothese. Eine so brutale Tat mit hoher krimineller Energie erfordere enorme Vorbereitung und Vorsorge gegen Entdeckung. Die Angeklagte habe bis Oktober 2025 in vergleichbaren Stresssituationen eher „autoaggressiv“ reagiert, also Gewalt gegen sich selbst gerichtet. Mit der Anhörung endete die Beweisaufnahme am 32. Verhandlungstag. Der Prozess begann Ende April. Nach einer dreiwöchigen Pause sollen ab 29. Oktober die Plädoyers gehalten werden, das Urteil soll am 10. November fallen. Der Frau droht eine lebenslange Haftstrafe.