Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow setzt das Landgericht Rostock zum Abschluss der Beweisaufnahme auf die Erfahrung eines bekannten Neurologen und Psychiaters. Der Rostocker Facharzt Peter Keiper soll an diesem Donnerstag als Gutachter angehört werden. Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten Gina H. aus Reimershagen (Landkreis Rostock) „heimtückischen Mord“ vor, was diese energisch bestreitet. Die 30-Jährige ist die Ex-Freundin von Fabians Vater.
Gutachter beobachtete Angeklagte über 30 Verhandlungstage
Der Mediziner Keiper hat mit der Angeklagten gesprochen und sie an mehr als 30 Verhandlungstagen seit Ende April 2026 im Gerichtssaal beobachtet. Als Sachverständiger soll er unter anderem einschätzen, inwieweit Gina H. zur Tatzeit in psychischer Hinsicht steuerungs- und schuldfähig war. Beobachter erwarten aber auch Aussagen zur Glaubwürdigkeit der bisherigen Angaben der Angeklagten, was auch Rückschlüsse auf eine Täterschaft ermöglichen könnte.
Laut Staatsanwaltschaft soll die Pferdesportlerin den Jungen am 10. Oktober 2025 von zu Hause aus Güstrow abgeholt, ihn an einem einsamen Tümpel auf einem Feld zwischen Reimershagen und Klein Upahl erstochen und seine Leiche in Brand gesetzt haben. Der Vater des Jungen hatte sich nach jahrelangem Streit im August 2025 von ihr getrennt. Die Staatsanwaltschaft sieht als Motiv, dass der Junge ihrer Partnerschaft im Weg gewesen sein könnte. In den hunderten Sprachnachrichten, die von dem Paar sichergestellt und im Prozess angehört worden waren, finden sich darauf jedoch kaum Hinweise.
Angeklagte leidet an „instabiler Persönlichkeitsstörung“
Die 30-Jährige leidet nach Angaben ihres Güstrower Psychotherapeuten an einer „instabilen Persönlichkeitsstörung“ mit „Borderline-Merkmalen“. Außerdem soll sie nach eigenen Angaben in der Jugend mehreren Vergewaltigungsversuchen ausgesetzt gewesen sein, was zu „posttraumatischen Belastungsstörungen“ geführt haben soll. Die Frau arbeitet deshalb nicht regulär, hat einen eigenen Sohn in Fabians Alter, lebt bei den betagten Großeltern und von einer Erwerbsunfähigkeitsrente. Sie trieb aber, bis zu ihrer Verhaftung im November 2025, durchaus mit Erfolg Reitsport und versorgte fünf Pferde und Ponys auf dem Hof ihrer Großeltern.
Plädoyers nach dreiwöchiger Pause erwartet
Mit der Anhörung des Gutachters Keiper soll die Beweisaufnahme am 32. Verhandlungstag abgeschlossen werden. Danach will die Kammer nach einer dreiwöchigen Prozesspause ab 29. Oktober die Plädoyers aller Seiten entgegennehmen. Für aufmerksame Prozessbeobachter zeichnet sich ab, dass Staatsanwaltschaft und die Nebenklage die Angeklagte anhand einer sogenannten Indizienkette für „schuldig“ halten und eine lange Haftstrafe verlangen werden. Die Verteidigung sieht dagegen viele Lücken bei diesen Indizien, verweist auf fehlende Beweise, wie eine Tatwaffe, und wird vermutlich auf Freispruch plädieren. Das Urteil soll am 10. November fallen.