Ein Kommentar von Harald Schmidt zum Ausgang der Sachsen-Anhalt-Wahl hat den Autor dieser Kolumne zum Nachdenken angeregt. Schmidt sagte: „Ich würde mir gerne Sorgen machen, aber ich mache mir keine.“ Und ergänzte: „Es sind eben Wahlen, und dann gibt es Ergebnisse. Wenn man mit Wahlausgängen unzufrieden ist, muss man entweder Wahlen abschaffen oder die Ergebnisse vorher festlegen.“
Keine Sorge um die Demokratie
Der Autor schließt sich dieser Haltung an. Weder um Magdeburg, noch um Schwerin oder Berlin macht er sich Sorgen. Wer es bunt, liberal und vielfältig mag, komme bei den Wahlen in diesem Monat voll auf seine Kosten. Dass nicht alle so wählen wie er selbst, habe mit dem Wesen der Demokratie zu tun: Herrschaft des Volkes, nicht Herrschaft des eigenen Willens.
Was ihm jedoch Sorgen bereitet, ist die wachsende moralische Selbsterhöhung derjenigen, die etwas gegen die AfD haben. Diese sei so stark, dass selbst beim mutmaßlichen Attentat auf den AfD-Direktkandidaten Michael Meister kein Wort der Empathie von den politischen Mitbewerbern zu hören war – nur von der FDP-Fraktionsvorsitzenden in der Bürgerschaft, Julia Kristin Adler.
Erinnerungen an die Wendezeit
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt gingen in Rostock Menschen auf die Straße, um vor dem „Faschismus“ zu warnen oder „Haltung zu zeigen“. Das erinnert den Autor an Kirchen-Prozessionen, bei denen der eine, wahre Glaube wie eine Monstranz präsentiert wird. Und an eine obskure Demo im Winter 1989/90, als die SED vor dem überschwappenden „Faschismus“ aus dem Westen warnte.
Wer zu den (vermeintlich) Guten gehören wollte, zeigte Haltung. Wer ausscherte, galt als weniger gut. Diese Rudel-Logik mag dialektisch aufgehen – mit Demokratie habe sie nichts zu tun. Das „Sag mir, wo Du stehst“ übergehe den Willen des Einzelnen und seine freie Gewissensentscheidung. Deshalb finde jede demokratische Wahl anonym statt, ohne öffentlichen Bekenntniszwang und ohne das Kollektiv im Rücken.
Freiheit des Einzelnen
Niemand sei gezwungen, eine bestimmte Partei zu wählen oder sich öffentlich von ihr zu distanzieren. Darin liege die Wahlfreiheit des Einzelnen. In seinem persönlichen Umfeld habe der Autor zudem den Eindruck gewonnen, dass gerade diejenigen, die am lautesten auf „Haltung“ pochen, auffällig gekrümmt seien – ein starkes Rückgrat scheine ihnen nicht geschenkt worden zu sein.