Vier Fotografinnen aus Deutschland und Frankreich ziehen in diesen Tagen mit der Kamera durch die Rostocker Nacht – mal gemeinsam, mal allein, auf der Suche nach Menschen und Motiven. Das nächtliche Fotoprojekt hat der Rostocker Frauenkulturverein „Die Beginen“ ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt stehen Fragen wie: An welchen Orten fühlen wir uns wohl? Wo sind wir ängstlich? Wo begegnen sich Menschen?
Bahnhof als besonderer Ort
Ein Beispiel ist der Rostocker Bahnhof: Einige Menschen kommen müde aus dem Gebäude, steuern Fahrradstellplätze und Bussteige an. Die Fotografinnen haben ihren ganz eigenen Blick darauf. Bénédicte de Kersabiec aus Brest schaut fasziniert durch den Sucher ihrer Kamera: „Bahnhöfe sind immer besondere Gebäude, weil Leute ankommen und abreisen. Das hier ist ein besonderer Ort, wobei es sehr ruhig ist. Die große Laterne und die weiße Linie da, das ist interessant. Also die Architektur und das Licht.“
Jagd- und Fischerinstinkt
Nathalie Le Roux fotografiert Rostocker Frauen nachts an Orten, mit denen sie ein Erlebnis oder eine Erinnerung verbinden. Seit ihrer Ankunft zieht die 57-Jährige jeden Abend in der Dämmerung durch die Stadt – ohne Plan, mal durchs Zentrum, mal durch Wohngebiete aus DDR-Zeiten. „Ich bin wie ein Jäger. Ich gehe und schieße Fotos – intuitiv wie ein Jäger. Aber manchmal musst du sein wie ein Fischer und musst dir Zeit nehmen.“
Ähnlich arbeiten die Rostockerinnen Jana Wehbe und Silke Paustian. Paustian war früher als Jugendliche oft nachts unterwegs – dann wurde es seltener. „Es ist für mich eine neue Herausforderung, bei Nacht durch die Gegend zu stromern. Und man sieht Rostock noch mal in einem anderen Licht“, erklärt sie. Le Roux verabredet sich dagegen gezielt mit Rostocker Frauen: „Wir reden über die Nacht, über ihre Gefühle und Erinnerungen. Und danach fotografiere ich sie an einem Ort ihrer Wahl.“
Kultureller Austausch mit der Bretagne
Ophrys Primied von den Beginen erklärt die Idee des deutsch-französischen Projekts: „Die Grundidee ist zuerst: Da soll eine Partnerschaft zwischen den Regionen – der Bretagne und Mecklenburg-Vorpommern – unterschrieben werden.“ Nach einer Zusammenarbeit zwischen Universitäten und im Sport sei der kulturelle Austausch ein weiterer Schritt.
Unterwegs vom Bahnhof zu einem kleinen Industriestandort auf dem Gelände des einstigen Dieselmotorenwerks gibt es immer wieder Interessantes abseits der Route. Nathalie zuckt mit den Schultern: „Es ist hart mit Fotografen! Das ist echtes Leben, tut mir leid.“
Die Ergebnisse werden am Ende des Projekts in Gesprächsrunden thematisiert. Ab dem 8. Oktober zeigt die Galerie des Frauenkulturvereins „Die Beginen“ im Barnstorfer Weg in Rostock die Ausstellung „Durch die Nacht in Rostock“.