Bibliotheken im Wandel: Mehr als Bücher, aber Finanzen bleiben angespannt
Bibliotheken im Wandel: Mehr als Bücher, Finanzen angespannt

Bibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern bieten längst mehr als Bücher: Von Saatgut über Bohrmaschinen bis hin zu Karaoke-Anlagen reicht das Angebot. Doch zunehmend geht es nicht mehr nur um die Ausleihe. Die Häuser entwickeln sich zu Orten der Begegnung, erklärt Silvio Witt, Vorsitzender des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern im Deutschen Bibliotheksverband. Manchmal sei die Bibliothek „der einzige nichtkommerzielle Treffpunkt in den Innenstädten“, sagt er vor dem bundesweiten Tag der Bibliotheken am Samstag.

Vom Ausleihort zum Dritten Ort

Die öffentlichen Bibliotheken im Land führten im vergangenen Jahr 8.600 Veranstaltungen durch, etwa Lesungen. Auch Rostock beschäftigt sich mit diesem Wandel. „Die Stadtbibliothek Rostock wird sich verstärkt zu einem sogenannten Dritten Ort entwickeln“, heißt es von dort. Das Konzept beschreibt einen sozialen Raum außerhalb der eigenen Wohnung und des Arbeitsplatzes oder der Schule.

„Die Bibliothek wird zu einem Ort, an dem man sich gerne aufhält - auch ohne ein konkretes Ausleihziel.“ Der Wunsch danach wurde während eines stadtweiten Beteiligungsprozesses deutlich. Die Stadt erklärt: „Es gibt nicht überall ausreichend frei zugängliche Orte, an denen Menschen ohne Konsumzwang zusammenkommen können.“ Die Bibliothek ermögliche Begegnungen zwischen unterschiedlichen Altersgruppen, sozialen Milieus und kulturellen Hintergründen. „Außerdem verfügt nicht jeder Mensch zu Hause über ausreichend Platz, Ruhe oder geeignete Arbeitsbedingungen.“

Von Saatgut bis Open Library

Die Häuser bieten zudem mehr als Bücher. In Greifswald können Gartenfreunde Saatgut verschiedener Gemüsesorten erhalten und eigenes abgeben. Bibliotheken der Dinge gibt es etwa in Neubrandenburg, Güstrow und seit dieser Woche auch in Malchin. DVD-Player, Akkuschrauber, Lötkolben und vieles weitere sind dort verfügbar.

In Schwerin gibt es seit diesem Jahr die Open Library. Registrierte Nutzer können die Bibliothek auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten abends selbstständig betreten, ohne dass Personal anwesend ist. In Stralsund können Nutzer zu Randzeiten, wenn nur Wachpersonal anwesend ist, selbstständig Bücher ausleihen oder verlängern. Das Konzept stamme aus Skandinavien, erklärt Witt. Dort gebe es Bibliotheken, die rund um die Uhr zugänglich seien. Auch Verwaltungsdienstleistungen fänden teils dort statt.

Finanzielle Herausforderungen

Rostock definiert verschiedene Funktionen, die die Stadtbibliothek verstärkt erfüllen soll: lebenslanges Lernen ermöglichen, Bildung unabhängig von Herkunft und Einkommen fördern und Zugehörigkeit, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe stärken. Der Makerspace der Stadtbibliothek bietet Menschen bereits die Möglichkeit, mit moderner Technik zu experimentieren.

Die angespannte finanzielle Lage der öffentlichen Haushalte stellt die Träger öffentlicher Bibliotheken allerdings vor Herausforderungen. Anders als in anderen Bundesländern gibt es in Mecklenburg-Vorpommern laut Witt kein Bibliotheksgesetz. „Das heißt, Bibliotheken sind eine freiwillige Aufgabe.“ Dadurch müssten die Kommunen für die Finanzierung sorgen. Aktuell gebe es 96 öffentliche Bibliotheken im Land, 2002 seien es noch 154 gewesen. Die letzten großen Schließungen habe es 2022 gegeben.

„Wir nennen das immer die Spirale nach unten“, sagte Witt mit Blick auf Einsparungen. Wenn Gelder gestrichen werden, könnten teils keine neuen Medien angeschafft werden oder die Personalstelle werde gekürzt. Dadurch sinken Attraktivität und Nutzungszahlen. Die Hälfte der öffentlichen Bibliotheken im Land seien Ein-Mann- oder Ein-Frau-Bibliotheken. Solange Bibliotheken hauptamtlich betrieben werden, seien kleinere Bibliotheken aber nicht automatisch schlechter. Bei allen Neuerungen glaubt Witt, auch die klassische Ausleihe habe eine Zukunft: „Wir mögen etwas in der Hand zu haben, was haptisch ist.“