Boccaccio an der HMT: Premiere mit Publikums-Experiment und Tod in Florenz
Boccaccio-Premiere an der HMT: Experiment und Tod in Florenz

Der ausverkaufte Katharinensaal der Hochschule für Musik und Theater Rostock (HMT) erlebte am Freitagabend eine wilde Premiere: Franz von Suppés Operetten-Klassiker „Boccaccio“ als genreübergreifende Musiktheater-Collage. Regisseur Jürgen Weber und Videokünstlerin Gretchen fan Weber haben eine Inszenierung entworfen, die die Grenzen zwischen Bühne, Auditorium und wissenschaftlichem Labor sprengt. Es ist kein runder Abend, sondern einer, der bewusst aneckt und den Status quo des Musiktheaters infrage stellen möchte.

Ein halbes Pferd und ein Live-Experiment

34 Studierende aus verschiedenen Studiengängen – von Bühnengesang über Schulmusik und Komposition bis zu Musikwissenschaft – sowie das Hochschulsinfonieorchester sind beteiligt. Handgezeichnete Animationen auf einer Videoleinwand prägen das Bühnenbild ebenso wie skurrile Comicelemente, die mal als Requisit, mal als Projektion erscheinen. Ein Beispiel: ein halbes Pferd, über dem wie ein Damoklesschwert ein Rasiermesser schwebt.

Rechts und links der Bühne ragen projizierte Säulen auf, die ein Herz krönt und die sich im Verlauf des Stückes unterschiedlich „füllen“. Dahinter steckt ein begleitendes Live-Experiment, das Gretchen fan Weber für ihre Doktorarbeit an allen Vorstellungsterminen durchführt. Einzelne Zuschauer werden mit Puls- und Herzfrequenzmessern ausgestattet.

Das Publikum entscheidet über das Ende

Die Daten beeinflussen direkt die „Fülle“ der Säulen. Nach der Pause dürfen die Freiwilligen entscheiden, wie die Operette enden soll. Dafür haben die Beteiligten verschiedene Varianten vorbereitet. Am Freitagabend war es „Tod in Florenz“, mehr wird nicht verraten.

Musikalisch reizvoll ist die Ausweitung der Operette: Zwölf junge Kompositionsstudierende schufen eigene Kompositionen, Melodramen, für die Inszenierung. Die Bearbeitung der Operetten-Dialoge übernahm Jürgen Weber. Jeder Komponist brachte am Ende seine individuelle Handschrift ein – von minimalistischer Bühnenbegleitung bis zu einer komplex durchstrukturierten Orchester-Szene.

Mickey Mousing und neue Kompositionen

Einer der Komponisten ist Leon Kropp. Er komponierte für eine Szene, in der Boccaccio als Bettler verkleidet flirtet. Kropp setzt auf Ironie und prägnante Motive: Für die Handwerker – darunter ein Barbier, ein Fassbinder und ein Gewürzhändler – legte er jeweils kurze Leitmotive an, um die Charaktere musikalisch pointiert abzubilden. Orientiert habe er sich dabei an den musikalischen Vorgaben des Werkes und den Nummern direkt vor und nach der seinen. So war etwa gesetzt, dass er in C-Dur starten würde.

„Ich nutze in meinem Part auch Mickey-Mousing“, erklärt der Kompositionsstudent, der zudem als Musiktheorie-Dozent tätig ist. Konkret bedeute das, dass etwa das Lachen Boccaccios mit Schlagwerk gestützt werde, die Musik also genau mit den Handlungen, Worten oder Bewegungen auf der Bühne abgestimmt sei. „Das macht man in der Musik heute eher selten und nur dann, wenn man wirklich etwas überzeichnen möchte.“ Er habe sich dafür entschieden, weil es eine so lustige und auch absurde Szene sei, für die er komponiert habe.

Diskursräume für die Zukunft

Bei aller konzeptionellen Wucht und der spürbaren Spielfreude der jungen Mitwirkenden blieb die Umsetzung an vielen Stellen arg wild und unzusammenhängend. Die Inszenierung wirkte streckenweise zerfleddert. Leider gingen auch Gesang und Sprechtext im wogenden Klangapparat oft unter und blieben schlicht zu leise.

Eine solche Kritik greift bei einem so ambitionierten, studentischen Projekt allerdings zu kurz. Die Webers und das Ensemble sind angetreten, um auszuloten, wie Musiktheater heute noch überraschen kann. Im Programmheft kritisiert etwa der HMT-Student Elias Leonhard Thurow das flächendeckende „Festhalten an historischen Stoffen“ im Feld der Oper. „Die Oper könnte durch weitergehendes Experimentieren sich selbst neu entdecken und den Gang in eine neue Zeit schaffen.“

Die Beteiligten am „Boccaccio“ haben in der Stückentwicklung auf jeden Fall Diskursräume geöffnet, die bei den Mitwirkenden wohl lange nachhallen werden: über Kunstfreiheit, Zensur, die Art, wie wir auf Musiktheater blicken und die Frage, was auf einer Bühne – vielleicht auch darüber hinaus – überhaupt echt ist.