Heimat ist für unsere Autorin kein politischer Begriff, sondern ein lebendiges Gefühl, das sich nicht abstecken lässt. Diese Überzeugung erläutert sie in einem persönlichen Essay zum Tag der Deutschen Einheit.
Heimat als sinnliches Erlebnis
Für die Autorin zeigt sich Heimat in konkreten Momenten: beim Gehen über moosigen Waldboden, wenn es nach Pilzen duftet und eine Spinnwebe ins Gesicht hängt. Auch das Gefühl, auf kaum befahrenen Landstraßen mit dem Fahrrad zu „fliegen“, gehört für sie dazu. Ebenso das Schmücken des Weihnachtsbaums, der Duft einer Räucherkerze oder das Schmunzeln über das obligatorische Husten zwischen den Sätzen eines klassischen Konzerts.
Zwischen zwei Erzählungen aufgewachsen
Die Autorin, im Osten aufgewachsen, erlebte bewusst das vibrierende Chaos der Nachwendejahre, nicht die DDR. In dieser Zeit verschwanden Geschäfte, Jobs gingen in Größenordnungen verloren, die Treuhand wirkte am Reißbrett und Menschen verließen die Region für immer. Damals wurden ihr im Wesentlichen zwei Geschichten über ihre Heimat erzählt: Die eine besagte, dass „die Heimat“ mit der Wende zusammengebrochen sei und neu aufgebaut werden müsse. Die zweite Erzählung deutete das Wendegeschehen als nächsten Schritt einer kohärenten und notwendigen Entwicklung.
Erzählung eins inszenierte den Umbruch als Schicksal, das anzunehmen war, unabhängig davon, ob man für oder gegen die DDR gewesen war oder nur Reformen wollte. Erzählung zwei negierte ein ganzes Land, als sei es im Grunde nur „eine Phase“ gewesen. Beide Erzählungen fanden gleichzeitig in ihrer geografischen Heimat Raum, aber keine traf den Kern ihrer Erfahrungen.
Heimat als Resonanz, nicht als Territorium
Viele Menschen ihrer Generation – Ostkinder, geboren Ende der 80er Jahre und geprägt von den Nachwendejahren – erlebten die Erwachsenenwelt jener Zeit als zutiefst verunsichert, widersprüchlich und haltlos. Nichts war so, weil es immer schon so war. Was blieb, sind der Wald, die Musik, der Apfelkuchen mit Butterstreusel der einen Oma oder die „Froscheiersuppe“ der anderen – warmer Holundersaft mit Grießklößchen, Früchten und glibbrigen Gelatine-Perlen.
Ihr Ost-sein definiert sich über diese Erfahrungen, nicht über die DDR oder die heutige Rede über „den Osten“. Nichts aus jenen prägenden Jahren lässt sie denken, dass Heimat ein geografischer Ort, ein politisches System oder eine Erzählung sein kann. Heimat ist für sie ein Gefühl, das in schönen Momenten mit dem Gefühl einer anderen Person räsoniert.
In der öffentlichen Wahrnehmung wird Heimat – von den politischen Rändern her, aber längst auch in der Mitte – nie als etwas erzählt, das räsoniert, das eigene Erleben bereichert, durch Erfahrung anreichert, arbeitet, atmet und lebt. Wenn sie heute Menschen zuhört, die über „den Osten“ als „die Heimat“ sprechen und den Begriff fast zur Waffe machen, ist sie froh, räumlich, politisch und historisch in einem Dazwischen aufgewachsen zu sein. Denn sie hat offenbar nie gelernt, dass Heimat Ränder und ein Ende haben kann.