Ein Tag in Stettin, ein Tag in Warnemünde – und dazwischen liegt eine Welt. Der Neu-Rostocker Stefan Meetschen berichtet in seiner Kolumne „Moin, Rostock!“ von Beobachtungen, die er in der vergangenen Woche gemacht hat: von einem angenehmen Ausflug ins polnische Stettin und einem verstörenden Erlebnis vor dem Leuchtturm in Warnemünde.
Ein Tag in Stettin: Veränderung zum Guten
Neulich war er für einen Tag in Stettin, um seine Frau vom Bahnhof abzuholen, die in Warschau zu tun hatte. Es war lange her, dass er dort war – und er hat den Tag sehr genossen. Vieles hat sich verändert, zum Guten: das renovierte Schloss, sanierte Marktplätze und Straßen, die 2014 eröffnete Philharmonie. „Ich genieße es immer, wenn ich auf Abstand zu Deutschland bin. Und seien es nur wenige Kilometer“, schreibt er.
Das triste deutsche Gegenprogramm
Das Gegenprogramm dazu war der Samstag vor der Wahl. Das Wetter war kühl und trist, die Ostsee rau. Beim Strandspaziergang hörte er Pfeifkonzerte und aufgeregte Stimmen. Als er die Treppenstufen vor dem Leuchtturm hochgelaufen war, sah er, was los war: eine Bühne in Blau – die AfD-Abschlusswahlveranstaltung mit dem MV-Spitzenkandidaten und Gästen. Davor ein Publikum mit Deutschland-Flaggen, eingerahmt von Polizeikräften. Und dann eine Mischung aus jungen und alten Protestlern, die mit aggressiver Musik und Rufen die Rede zu stören versuchten. Dazu die Plakate „Gegen Nazis“ oder „What the fuck: Keine Zusammenarbeit mit der AfD“.
Arme Polizei, arme Demokratie
Sein erster Gedanke: Arme Polizei. Sein zweiter: Stehen sich hier nicht zwei Deutschland gegenüber? Sein dritter: Was ist nur aus der demokratischen Kultur der Bundesrepublik geworden? Diese Frage stellte er sich auch am Montag nach dem Wahltag – und merkte, dass seine von Harald Schmidt übernommene Devise „Ich mache mir keine Sorgen um die Demokratie“ wackelt.
Sind Sorgen nicht berechtigt, wenn FDP und CDU in Mecklenburg-Vorpommern zusammen auf rund sechs Prozent kommen? Wenn die AfD zur stärksten Kraft wird? Wenn Manuela Schwesig (SPD), die sich in MV als Siegerin fühlen darf, als Brückenbauerin gen Polen ausscheidet, weil sie dort wegen ihrer früheren Nord Stream 2-Aktivitäten abgelehnt wird?
Berlin als Experimentierfeld
Auch das Ergebnis in Berlin kann Sorgen auslösen: Wie antisemitisch gefärbt ist die dort triumphierende Links-Partei? Wird Berlin eine Art „linkes Experimentierfeld“ für ein zukünftiges bundesweites Rot-Rot-Grün-Bündnis, dem die deutlich geschwächten bürgerlichen Parteien nichts mehr entgegenzusetzen vermögen?
Seit einiger Zeit lassen sich die Christdemokraten in der ZDF-Doku „Inside CDU“ als kauziger Abstiegs-Club vorführen. Es scheint manchen Protagonisten noch nicht klar zu sein, dass sie sich nicht nur in einem Abstiegskampf befinden, sondern mitten in einem Kulturkampf. Mit oder ohne Leuchtturm.