Na, haben Sie auch den Tag der Deutschen Einheit gefeiert – oder den Tag der offenen Moschee? Beide Termine fallen seit knapp 30 Jahren auf denselben Tag. Den Muslimen geht es laut eigener Aussage darum, ihre Verbundenheit mit Deutschland auszudrücken.
Respekt oder „Gegenprogramm“?
Kritiker empfinden diese Terminwahl schon länger als übergriffig oder sogar respektlos: Was hat der Tag der Deutschen Einheit, der Wiedervereinigung mit offenen Moscheen zu tun? Ist das nicht eine Art „Gegenprogramm“ zu einer seit Jahrhunderten christlich geprägten Gesellschaft?
Ich muss gestehen, dass ich noch nicht in der Rostocker Moschee in der Erich-Schlesinger-Straße war. Aber ich lese abends immer ein bisschen im Koran. Morgens lese ich seit Wochen ein Buch über die Geschichte Jerusalems. Ich möchte mir selbst ein Bild machen.
Wider den freien Geist?
Bin ich gegenüber Religionen etwas ambivalent eingestellt? Ich habe schon häufiger meine Abscheu gegenüber Faschismus und Kommunismus und ihren blutigen Folgen ausgedrückt. Doch ich kann nicht leugnen, dass auch die Geschichte des Christentums viele blutige Kapitel hat und auf weite Strecken eine „Kriminalgeschichte“ ist.
Denn: So schön es ist, am Sonntag in der Maria Meeresstern-Gemeinde in Warnemünde erbauliche Kirchenlieder zu singen – auch im Namen Jesu ist schon viel Blut vergossen worden: Hexenprozesse, Kreuzzüge, Pogrome. Auch untereinander haben Christen sich schon viel Leid angetan.
Es geht um die Freiheit des Einzelnen
Das Argument, dass die Menschenrechte ein Produkt der christlichen Kultur seien, kann ich nicht gelten lassen. Wenn die Menschenrechte angeblich so christlich inspiriert sind, wieso bedurfte es dann der Aufklärung?
Nein, nein – jede Religion steht in Gefahr, die Freiheit als Maßstab des Menschen zu verdrängen und stattdessen ein Paradies auf Erden einführen zu wollen. Wer dabei nicht mitmachen möchte, stört. Aus dem Heilsversprechen wird dann ein Zwangssystem.
Das Schlimmste – und aus meiner Sicht besonders ekelhaft – ist die Verbindung von religiöser und politischer Ideologie. Je nachdem von wem die Religion dann gerade instrumentalisiert wird, ist nur noch eine Karikatur von dem zu erkennen, was ursprünglich doch der Kern sein sollte: Menschen eine verlässliche ethische Basis zu geben, ihnen in aller Freiheit ein Sinnangebot zu machen, das über die irdische Lebenszeit hinausreicht.
Fest steht aber auch: Religion kann ein innerer Schutz sein vor übergriffigen politischen Systemen. Gerade ältere Christen in Rostock können davon ein Lied singen. Nicht nur sonntags.