Nach 37 Jahren: Siglinde Lindauer übergibt Warnemünder Traditionsapotheke
Nach 37 Jahren: Apotheken-Übergabe in Warnemünde

Nach 37 Jahren an der Spitze der Detharding-Apotheke in Warnemünde geht Inhaberin Siglinde Lindauer in den Ruhestand. Ab 1. Oktober übernimmt Ida Menzdorf die traditionsreiche Apotheke am Kirchenplatz. Die historischen Glasfenster aus DDR-Zeiten bleiben Teil des Hauses.

Leitung im Jahr der Wende

Lindauer hatte die Führung der Apotheke wenige Monate vor der Wende 1989 übernommen. Damals waren rund 27 Mitarbeiter beschäftigt – auf 800 Quadratmetern, wie sie lächelnd anmerkt, statt wie heute auf 190 Quadratmetern. Viele Medikamente wurden damals noch selbst hergestellt: große Chargen von Salben, Hustensäften und Augentropfen. Zentral für alle Rostocker Apotheken produzierte man hier insbesondere die dringend benötigten fiebersenkenden Zäpfchen für Kinder – fast 500.000 Stück pro Jahr, weil die Industrie nicht liefern konnte.

Für die damals 33-Jährige, die aus einer Rostocker Apothekerfamilie stammt, war das eine große Herausforderung. „Ohne meinen Mann hätte ich es nicht geschafft“, sagt sie. Der studierte Meteorologe übernahm nach der Wende die Buchhaltung und kümmerte sich um die drei kleinen Kinder.

Entwicklung und „Mitfühlen“

Der Systemwechsel blieb nicht die einzige Veränderung. Weitere Apotheken kamen nach Warnemünde, und die Technik entwickelte sich rasant: Computer, Internet, Digitalität. „Mit meinem Studienwissen aus Greifswald allein hätte ich die Arbeit nicht machen können“, sagt die vital wirkende Lindauer. Sie betont die guten und verpflichtenden Weiterbildungsmöglichkeiten und hervorragenden Fachzeitschriften.

Das Wesentliche habe sich aus ihrer Sicht nicht verändert: der Kontakt zu den Menschen. Mit Menschen „mitzufühlen“, denen es nicht gutgehe, tue ihr auch nach so vielen Jahren immer noch gut.

Besondere Fenster und Geschichte

Besonders am Herzen liegen ihr die historischen Glasfenster der Apotheke, die von Wilhelm Mandel aus der DDR-Zeit stammen. „Sie verbinden Kunst und pharmazeutisches Wissen“, sagt Lindauer. Gemeinsam mit ihrer Familie hat sie einen Hörtext zur Geschichte der Fenster verfasst. Er ist derzeit über Audioguide in der Offizin erlebbar, soll aber bald über einen QR-Code abrufbar sein.

Auch die Geschichte der Apotheke, die 1853 begann, dokumentiert Lindauer – mit allen Namen, Ereignissen und Umzügen. „Bis 2028, dem Jahr des 175-jährigen Bestehens, soll alles fertig sein“, so die Apothekerin. Sie mag Geschichte und spürt eine besondere Verbindung zum Warnemünder Heimatmuseum, das sie immer wieder mit Apotheken-Aktionen unterstützt hat.

Mehr Zeit für Hobbys und Enkel

Eigentlich wollte Lindauer, die katholisch ist, gar nicht Apothekerin werden, sondern Lehrerin für Bio und Chemie. Das Leben habe sie anders „gelenkt“. Jetzt freut sie sich auf mehr Zeit für ihre acht Enkel, Kultur und Fahrradfahren – ihr „Lieblingshobby“.

Ganz ohne Wehmut hört sie nicht auf. Die Detharding-Apotheke, benannt nach der Rostocker Mediziner-Familie, war mehr als ein Arbeitsplatz. „Ich bin meinen Mitarbeitern sehr dankbar – denen, die schon seit Jahrzehnten in der Apotheke arbeiten, aber auch denen, die nur kurz da waren: Den fast 30 Pharmaziepraktikanten von acht verschiedenen Universitäten, die uns jeweils vor ihrem dritten Staatsexamen in der Sommersaison unterstützten.“ Der Generationenaustausch sei ihr immer wichtig gewesen. „Mit jungen Leuten bleibt man selbst ein bisschen jung.“