Mit Verdis Rigoletto hat das Volkstheater Rostock am Freitagabend, 2. Oktober, den Saisonauftakt des Musiktheaters gefeiert. Das Publikum quittierte die Inszenierung von Regisseur Christian Poewe und Ausstatterin Wiebke Horn mit Bravo-Rufen und Standing Ovations. Die Oper zeigt eine zynische Männerwelt, in der Frauen wie Freiwild gejagt werden – und das Publikum feierte diese Interpretation.
Eine Oper ohne Helden
Musiktheaterdramaturg Stephan Knies sagte im Vorfeld der Premiere: „Rigoletto ist eine Oper, bei der man eigentlich nicht versteht, warum sie so beliebt ist.“ Statt eines Helden begegnet man im Werk einem System aus kriecherischen Höflingen, die sich am Leid von Frauen ergötzen, sie wie Freiwild jagen und ihrem Herrn, Herzog Mantua, zuführen. Hyunsik Shin überzeugte in der Rolle des Herzogs stimmgewaltig.
Die Titelgebende Figur, der Hofnarr Rigoletto, körperlich entstellt und seelisch gezeichnet, passt sich dieser kalten Männerwelt an. Er zeigt zu Beginn den Stinkefinger als Zeichen des Trotzes, streift sich aber trotzdem das Narrenkostüm über und sperrt seine Tochter weg. Inszeniert wird Rigoletto vielstimmig: als Mann, der seinen Herrn an Scheußlichkeit übertrifft, als liebender Vater, als grausamer Herr unter Herren – für die Frau.
Überraschung zur Premiere
Statt der zuvor groß angekündigten Baritonistin Lucia Lucas übernahm mit den Endproben die Zweitbesetzung Rolfe Dauz die Premierenpartie des Rigoletto. Wiederholte „Brava-Brava“-Rufe quittierten ihm seine gelungene Interpretation des zutiefst zerrissenen Narren.
Ausstatterin Wiebke Horn erschuf für die destruktiv patriarchale Welt der Oper klare und düstere Bilder: kalte Wände mit ZickZack-Muster, eine sich nicht verändernde „Blechbox“. In dieser finden die Vergewaltigungen, die Verabredungen zum Mord und die Entführungen statt. Auch Gildas Lebensraum befindet sich hier – ein Schrank in leuchtendem Barbie-Pink, in dem sie wie eine unberührte Sammlerpuppe haust.
Starke Stimmen und Chor
Alina Tkachuk verlieh der Gilda mit klarer Interpretation Kontur und gab auch der herzzerreißenden Verwandlung der geschändeten Tochter im zweiten Teil eine Stimme. Auch ihr Gesang wurde mit „Brava“-Rufen aus dem Publikum gewürdigt.
Die Norddeutsche Philharmonie Rostock unter Svetlomir Zlatkov untermauerte das Geschehen mit scharfem Schwung. Hervorragende Akzente setzten die Soli. Das im ersten Bild genutzte Bandmaterial stammt von der Philharmonie selbst, aufgenommen vor Jahren im Rahmen einer früheren Produktion. Der Opernchor überzeugte sängerisch und spielerisch als grausam geifernde Meute, ergänzt durch Mitglieder der Singakademie.
Ausweglose Welt
Die Dekonstruktion einer zynischen Männerwelt, in der nur Mitläufer bestehen können, gelingt. Die Frage nach Selbstbestimmung richtet sich hier nicht an die Frau, sondern an Rigoletto: Ist der Stinkefinger zu Beginn wirklich alles an Widerstand, der diesem Mann und Vater möglich ist? Gildas Weg führt indes ausweglos in die Ausweglosigkeit. Ihr Freitod, ein Opfer für den Herzog, für den sie nach der Schändung eine verheerende Liebe entwickelt, ist hier keine operntypische Möglichkeit zur Selbstbestimmung, sondern die folgerichtige Konsequenz des erlebten Schreckens in einer Welt, in der für die Frau kein Platz ist.