Vor dem Haus am Schillerplatz 3 im Bahnhofsviertel glänzt ein kleiner Messingstein im Gehweg. Eingraviert: „Richard Siegmann, 1872-1943, verhungert in Theresienstadt.“ Ein Name, ein Leben – verdichtet auf wenige Zeilen. Steffi Katschke vom Max-Samuel-Haus, der Stiftung Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur in Rostock, auf der anderen Seite des Schillerplatzes, ist überzeugt: „Diese Steine machen etwas mit den Menschen. Sie zwingen zum Hinsehen.“
Seit zehn Jahren erinnern Denksteine an NS-Opfer
Seit dem Jahr 2001 wird in Rostock mit Steinen an jüdische Opfer der NS-Verfolgung erinnert. Seit 2016 gibt es das „Denkstein“-Projekt. Katschke ist im Vorstand des Fördervereins, der das „Denkstein“-Projekt betreut, das Ähnlichkeiten mit den bundesweit bekannten „Stolpersteinen“ aufweist. Anfangs waren es in Rostock gravierte Natursteinplatten, doch Frostschäden setzten ihnen zu, so Katschke. 2016 stellte der Förderverein auf massive Messingsteine um – robust, sichtbar, anfassbar.
Inzwischen liegen 97 Steine im Stadtgebiet, bald könnten es 100 sein. „Eine runde Zahl“, sagt Katschke, „aber hoffentlich kein Schlusspunkt. Gedenken endet nicht mit einem letzten Stein.“
Ausstellung und „Klang der Denksteine“
Sie muss es wissen, ist im Max-Samuel-Haus doch derzeit eine große Richard Siegmann-Ausstellung zu sehen. Verschiedene Facetten dieser prägenden Persönlichkeit der Rostocker Straßenbahn werden vorgestellt. Schmerzliche Erinnerungen im Angesicht seines tragischen Endes und dessen seiner Familie, denen auch Denksteine gewidmet sind.
Wie aus den Steinen darüber hinaus lebendiges Gedenken wird, zeigt jedes Jahr der 9. November. Beim „Klang der Denksteine“ musizieren Laien und Profis an den jeweiligen Orten, erzählen Kurzbiografien, singen zum Abschluss gemeinsam „Dos Kelbl“. „Es ist ein leises Format, aber wirkungsvoll“, sagt Katschke. Rund um den 27. Januar ruft der Förderverein zudem zum öffentlichen Putzen der Steine auf. „Dieses gemeinsame Tun erdet. Man merkt: Erinnerung ist Arbeit“, sagt sie.
Debatten und Antisemitismus-Prävention
Eine wichtige Arbeit, wie aktuelle Diskussionen in Berlin und in Ostdeutschland zeigen. In der Hauptstadt sieht sich die Partei die Linke nach ihrem Wahlerfolg mit heftigen Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert. Antisemitische Ausschreitungen gegen jüdische Studenten sind in Berlin seit dem 7. Oktober 2023 immer wieder ein Thema. Im sächsischen Heidenau irritieren AfD und CDU aktuell mit Anträgen, keine neuen Stolpersteine zu verlegen.
Die Debatten verfolgt Katschke aufmerksam. „Die bereits verlegten Steine sollten bleiben. Das Prinzip des dezentralen Gedenkens hat sich bewährt“, sagt sie. Was antisemitische Vorfälle betrifft, spricht sie in Rostock von einer „ruhigen Lage“. Für eine Podiumsdiskussion der Amadeu Antonio Stiftung am 13. Oktober im Max-Samuel-Haus zeichnet sich zwar das Thema „Aufgaben und Perspektiven der Antisemitismusprävention an Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern“ ab – „aber für Rostock haben wir dazu bisher nichts Belastbares“. Es habe ihres Wissens bislang keine Anfragen oder Meldungen von Studenten zu antisemitischen Vorkommnissen gegeben.
Doch, das betont Katschke, es sei wichtig, „möglichst früh“ gegen Antisemitismus vorzugehen. Möglichst schon bei Heranwachsenden. Ansonsten gilt: „Wir sollten prüfen, was vor Ort wirkt.“ Die 10. Jüdischen Kulturtage vom 25. Oktober bis 8. November, bei denen auch das Max-Samuel-Haus mitmacht, zählen bestimmt dazu.