Ein Germanistik-Seminar an der Universität Rostock beschäftigt sich mit der Bedeutung persönlicher Zeugnisse für den Widerstand gegen Diktaturen. Der Rostocker Professor Holger Helbig hat dafür prominente Unterstützung gewonnen: die russische Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa. Die Putin-Kritikerin ist Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Mit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine musste sie fliehen und lebt seitdem im Exil in Deutschland.
Öffentliche Lesung mit Friedensnobelpreisträgerin
Das Uni-Seminar trägt den Titel „Erinnerung und Widerstand. Über die gesellschaftliche Bedeutung von Literatur“. Hier wird das Verhältnis von Literatur, Erinnerung und politischer Erfahrung näher untersucht. Am 23. Oktober wird dieser universitäre Diskurs in einer öffentlichen Veranstaltung fortgesetzt. Unter der Überschrift „Die Erinnerung der Zukunft gestalten“ treffen Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa und Bundespräsident a. D. Joachim Gauck in Rostock aufeinander.
Lesung im Apollo Saal des Hotels Sonne
Beide lesen ab 19.30 Uhr im Apollo Saal des Hotels Sonne am Neuen Markt aus ihren autobiografischen Werken und sprechen über Möglichkeiten von Überleben und Widerstand in Diktaturen. Schon zu Beginn des Überfalls Putins auf die Ukraine beklagte Scherbakowa, dass kritische Stimmen zu Russland in Deutschland zu wenig Gehör gefunden hätten. Die Weltsicht des russischen Präsidenten Wladimir Putin bezeichnete sie als „eine Giftmischung aus Nationalismus, Imperialismus, Ressentiments und Verachtung anderer Völker und Republiken, die sich aus der Sowjetunion befreit haben“.
Gegen das Vergessen
Nach der Annexion der Krim 2014 habe Putin das Verhalten des Westens als schwach und käuflich interpretiert. Durch den Ukraine-Krieg wolle das russische Regime vor allem auch die Demokratisierung in den ehemaligen Sowjetrepubliken stoppen. Das Auslöschen von Erinnerung und die Zerstörung kultureller Zeugnisse gehören seit jeher zu den Mechanismen politischer Macht. Gegen das Vergessen haben Schriftsteller und Künstler immer wieder Dokumente, Bilder und Geschichten bewahrt und weitergegeben. Darum geht es in dem Germanistik-Seminar und in der dazugehörigen Lesung. Die Veranstaltung wird von der Musikwerkstatt und der Universität Rostock in Kooperation mit der Thalia Universitätsbuchhandlung ausgerichtet. Bei Thalia sind auch Karten für die Veranstaltung in der Hansestadt erhältlich.