Das Schicksal von Buckelwal Timmy, der in diesem Jahr vor der Insel Poel strandete, hat viele bewegt. Timmy ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahrhunderten gab es viele Walsichtungen in der Ostsee: eine Gruppe Orcas vor Greifswald im 16. Jahrhundert oder ein Entenwal 1870 vor Zingst. „Ein Vorfahre von Timmy tummelte sich schon vor 4000 Jahren in der Ostsee. Davon zeugt der versteinerte Wirbel eines Buckelwals, entdeckt vor der polnischen Küste“, sagt Dr. Kathrin Möller, Leiterin des Schifffahrtsmuseums Rostock. Dieser älteste Nachweis eines Buckelwals in der Ostsee ist Teil der neuen Sonderausstellung „Wal und Mensch – Fatale Jagd durch die Jahrhunderte“.
Jahrtausendealte Wechselbeziehung
In den zwei Jahren der Vorbereitung für diese große Sonderausstellung ist Kuratorin Kathrin Möller zu einer Expertin für Wale und die Geschichte des Walfangs geworden. „Mich interessiert vor allem die Frage, wie Mensch und Wal in den vergangenen Jahrhunderten miteinander umgegangen sind“, sagt sie. Diese jahrtausendealte Wechselbeziehung zieht sich durch die gesamte Ausstellung, die ab dem 9. Oktober im Schifffahrtsmuseum auf dem Traditionsschiff im IGA-Park Rostock zu sehen ist. Ein Jahr lang, bis zum 30. September 2027, wird „Wal und Mensch“ im mehr als 300 Quadratmeter großen Sonderausstellungsbereich an Bord der „Dresden“ gezeigt.
„Es ist schon deprimierend, wie stark der Wal bejagt wurde“, sagt Kathrin Möller. Viele Arten seien verloren gegangen. „Gleichzeitig war der Walfang natürlich ein risikoreiches Geschäft und hat zahlreiche Opfer auf Seiten der Walfänger gefordert“, erzählt sie und schiebt gleich hinterher: „Natürlich lange nicht so viele wie Wale.“ Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte der Walfang seinen Höhepunkt. „Erst dann haben die Menschen gemerkt, dass wir so viele Wale ermordet haben, dass der Walfang nicht mehr lukrativ war.“ Die Ausstellung wolle diesen Wandel vom kommerziellen Nutzen der Meeressäuger hin zu einem wachsenden Bewusstsein für den Schutz dieser beeindruckenden Tiere verdeutlichen.
Rostocker Walfanggeschichte
Erstmals überhaupt wird im Schifffahrtsmuseum auch die Rostocker Walfanggeschichte umfassend aufgearbeitet – mit historischen Zeugnissen, Modellen und weiteren Exponaten. „Mitte des 19. Jahrhunderts brachen die Rostocker mit den Walfangschiffen ‚Flora‘ und ‚Polarstern‘ auf, um Wale vor Grönland zu jagen“, so Kathrin Möller. „Allerdings nicht sehr erfolgreich. Nach sechs Jahren wurde der Walfang wieder eingestellt.“ Zudem wurde in den 1950er-Jahren in Warnemünde das russische Walfangmutterschiff „Jury Dolgoruki“ gebaut. „Damit wurden Zehntausende Wale gefangen und verarbeitet“, sagt Möller.
Literatur und Theater als Begleitprogramm
Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Meeresmuseum Stralsund entstanden ist, beschäftigt sich nicht nur mit der Geschichte des Walfangs, sondern auch damit, wie die Beziehung zwischen Mensch und Wal in Literatur, Kunst und Kultur dargestellt und interpretiert wurde. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Herman Melvilles weltberühmtem Roman „Moby Dick“, dessen Motive und Inhalte aufgegriffen werden. Begleitend entsteht zusammen mit der Hochschule für Musik und Theater Rostock (HMT) ein Theaterprojekt. „Studenten der HMT werden im Februar 2027 das Stück ‚Moby Dick‘ an Bord des Museums aufführen“, blickt Museumsleiterin Kathrin Möller voraus.