Die Rostocker Kunsthalle hat zum 100. Geburtstag von Werner Lindemann ins Literaturcafé eingeladen. Angehörige, Weggefährten und Literaturkenner kamen zusammen, um sich an den bekannten DDR-Lyriker zu erinnern. Auch Kinder aus zwei Schulen in Mecklenburg-Vorpommern, die seinen Namen tragen, waren dabei und trugen Gedichte von Lindemann vor.
Ein Familientreffen im Literaturcafé
Das Literaturcafé in der Kunsthalle glich einem großen Familientreffen. Menschen, die mit Lindemann im Künstlerort Drispeth bei Bad Kleinen gelebt, gefeiert und diskutiert hatten, waren ebenso anwesend wie Literaturkenner. Die Kinder der Lindemann-Schulen gaben Kostproben aus dem Werk des Lyrikers. Für die Grundschülerin Zara ist es dabei egal, dass die Gedichte schon älter sind: „Es macht trotzdem noch Spaß, die Gedichte zu lesen und vorzutragen.“
Werner Lindemann: Erfolgsautor der DDR
Werner Lindemann schrieb in der DDR für Jung und Alt. Am Mittwoch wäre der Vater von Rammstein-Sänger Till Lindemann 100 Jahre alt geworden. Bei Kindern kommt Lindemann auch heute noch gut an. Zara und ihre Mitschüler durften je zwei Bücher von Lindemann mit nach Hause nehmen und daraus auswählen, was ihnen am besten gefällt. Besonders beliebt sind Werke mit Naturbezug. Lindemann, Sohn einer Landarbeiterfamilie, habe als 20-Jähriger sein erstes Buch gelesen, so sagte er selbst. Auch als gefragter Schriftsteller verlor er nicht die Nähe zu denen, die auf dem Feld arbeiten.
Enkelin teilt bewegende Erinnerungen
Im Literaturcafé war Lindemann in Filmszenen aus dem DDR-Fernsehen zu sehen – etwa bei der Arbeit in seinem Bauernhaus, beim Einkaufen im Konsum und im Gespräch mit der Postfrau. Vor allem Familienangehörige wie seine Enkelin Nele Lindemann ließen erahnen, was für ein Mensch er war: „Er hat für mich und für sich gesungen, er konnte wunderschön singen. Auf dem Weg zum See duschten wir uns mit einem Stück Seife aus der Plastikschale, die er im Auto umherfuhr, immer ein Handtuch und einen Spaten im Kofferraum, weil kleine Bäume hier ausbuddeln und woanders wieder einsetzen. Waren wir zusammen in Drisbeth, waren wir zusammen mit dem Ort.“ Als Nele aus Lindemanns Tagebüchern zitierte, zeigte sich auch, wie für ihren Großvater nach dem Fall der Mauer eine Welt zusammenbrach.
Viele Bücher heute nicht mehr erhältlich
Was bleibt? Sein Buch „Mike Oldfield im Schaukelstuhl“, das den Generationenkonflikt zwischen ihm und seinem Sohn Till thematisiert, ist gerade neu aufgelegt worden. Bei der Kinderliteratur ist es schwieriger, sagt Diana Johanns, die in der Berliner Staatsbibliothek seinen Nachlass verwaltet. Derzeit sei im Buchhandel abgesehen von „Das Schneeflöckchen“ kein einziges Kinderbuch mehr zu bekommen. „Ich würde mir eine Ausgabe mit wirklich kuratierten Gedichten wünschen“, so Johanns. Es gebe viele Glanzstücke von Lindemann, die es wert seien, neu herausgegeben zu werden. Lehrerin Raissa Burmeister von der Lindemann-Schule in Lübstorf fände das gut: „Weil das, was er geschrieben hat, sowohl die Gedichte, als auch der Roman, echte Kulturgüter sind. Das darf man einfach nicht vergessen.“ Deshalb solle es Veranstaltungen wie das Literaturcafé in Rostock auch in Zukunft immer wieder geben.