In Corinna Krenzers Roman „Eine einfache Wahrheit“ kehrt die Bestseller-Autorin Janna See nach Kohltal zurück, einem Dorf in Mecklenburg, das sie als „das Kaff“ und „verfluchtes Dorf“ bezeichnet. Dort will sie das Schweigen um den Selbstmord ihres Vaters brechen, das seit der Flucht ihrer Familie 1989 über dem Ort liegt.
Ein Dorf schweigt über die Vergangenheit
Janna, selbst in einer Schaffenskrise, ist in dem Alter, in dem ihr Vater sich das Leben nahm. Sie plant ein Buch über seinen Tod und ihre vermeintliche Schuld daran. Ihre Eltern waren im Sommer 1989, als sie 14 war, unter dubiosen Umständen aus der DDR in den Westen gegangen. Doch ihre Fragen stoßen auf Ablehnung: „Wir brauchen niemanden, der alte Geschichten wieder aufwärmt“, sagt ihr einstiger Kinderfreund.
Ein altes Bootshaus wird zum Schlüssel für das Verschwiegene. Die Autorin selbst hatte bei einem Bootshaus-Urlaub ihre Begeisterung für die Region entdeckt. „Manchmal gibt es diese Orte, an denen man fremd ist und sich trotzdem zu Hause fühlt“, erklärt sie ihre Faszination.
Eine Geschichte zwischen Ost und West
Krenzer erzählt von Ulli See, einem westdeutschen Schriftsteller, der in die DDR kam und als Lehrer in Kohltal arbeitete, bis er wegen wiederholter Konflikte nicht mehr unterrichten durfte. Als „Anstifter“ geschmäht, verstummte er plötzlich gegenüber seiner Tochter. Drei Monate nach der überstürzten Ausreise der Familie nahm er sich das Leben.
Janna sucht Antworten auf die Frage nach dem Warum, gequält von seinem Schweigen und der Schuldzuweisung, die sie spürt. In Kohltal liegen Macht und Meinungshoheit noch immer bei denselben Leuten, die ihre Fragen abweisen. Eine „einfache“ Wahrheit gibt es nicht.
Autorin mit persönlichem Bezug
Krenzer, die auch Ethnologie und Geschichte studiert hat, schrieb den Roman zunächst mit einem männlichen Protagonisten, wechselte dann aber zu einer weiblichen Hauptfigur, die mehr Nähe und Tiefe ermöglichte. Den mecklenburgischen Schauplatz schätzt sie als Fluchtort aus ihrem Alltag als Leiterin einer Marketingagentur in Frankfurt am Main. Die Menschen dort seien aufgeschlossener als das Klischee vermuten lasse, und Zeitzeugen gaben ihr Einblick in persönliche Archive.
„An jeder Epoche interessiert mich, was sie für das Leben der Menschen bedeutet“, sagt die Autorin, die von Kindheit an schreibt. Ihr Debüt folgte auf Veröffentlichungen in einer Anthologie und dem Finale beim Wettbewerb „Open Mike 2022“. „Eine einfache Wahrheit“ ist im Kjona Verlag München erschienen (240 Seiten, 24 Euro, ISBN 9783910372795).