DDR-Tugenden im Rennwagen: Der Schweriner KIW-Buggy im Museum
Schweriner KIW-Buggy: DDR-Rennwagen im Museum

Ein dicker Umschlag mit der Aufschrift „Orwo“ liegt auf dem Tisch. Hartmut Wiesner zieht die Mappe heran, öffnet sie und legt Schwarz-Weiß-Fotografien auf den Tisch. Sie zeigen Szenen, in denen ein Rennfahrzeug über die Piste flitzt, in der Luft zu schweben scheint, mit flacher Front, und über eine Kuppe springt. Auf anderen Aufnahmen fliegt der Lehmboden in Fontänen nach oben, weil sich die groben Stollenreifen in den Untergrund graben. Dazwischen Gesichter voller Konzentration, Männer in Arbeitskleidung, Zuschauer am Streckenrand. Wiesner blickt auf die Bilder und ist sofort wieder mittendrin, in einer Zeit, in der aus Werkstattarbeit, technischem Ehrgeiz und Motorsportbegeisterung etwas Besonderes entstand: der Buggy, ein Rennwagen aus Schwerin.

Vom DDR-Kommando-Fahrzeug zum Rennwagen

Der Wagen, an den die Fotos erinnern, steht heute im Fahrzeugdepot des Landestechnischen Museums „Phantechnikum“ in Wismar, ein Stück Landesgeschichte von Mecklenburg-Vorpommern. Für Wiesner aber ist der Buggy bis heute vor allem eines: der Mittelpunkt einer Geschichte, die im Kraftfahrzeug-Instandsetzungswerk Vorwärts in Schwerin begann und auf Rennstrecken in der DDR und in den damaligen sozialistischen Nachbarländern weitergeschrieben wurde.

„Die Idee entstand durch einen Kollegen, der solch ein Fahrzeug in einer Zeitung gesehen hat“, sagt Wiesner. Am Anfang war der Wagen noch gar nicht für den Rennsport gedacht. „Es wurde an der Entwicklung für ein Fahrzeug der DDR-Kampfgruppen gearbeitet, ein Kommando-Fahrzeug“, erinnert sich Wiesner. Am Ende siegte der Sport.

Vom Feierabendprojekt zur ständigen Evolution

In Berlin-Wandlitz entstanden ähnliche Fahrzeuge. „Der dortige Technologe Jürgen Koch fragte mich, ob ich an der Sportwagenentwicklung nicht mitmachen wolle“, sagt Wiesner. Für ihn war die Antwort klar: „Da ich im Motorradwerk Zschopau gelernt und aus der Motocross-Rennerei komme, war mein Interesse sofort da.“

Im „KIW Vorwärts“ fand dieses Interesse Nährboden. Wiesner war dort Betriebsingenieur, später Betriebsleiter. „Ich hatte ganz hervorragende Betriebsschlosser“, sagt er. Aus den 85 Handwerkern im Betrieb wurde eine kleine Mannschaft geformt, die Besten für solch eine Aufgabe. Ein Schweißer mit sicherer Hand, ein präziser Dreher, erfahrene Fräser, Mechaniker mit Gespür für technische Feinheiten. Sie alle arbeiteten mit daran, aus dem kleinen Fahrzeug einen Buggy zu machen, der Rennen bestehen konnte.

„Ich hatte freie Hand“, sagt Wiesner rückblickend. Vieles geschah nach Feierabend, manches mit Rückhalt des Betriebes, inklusive eigener Werkstatt für das Projekt. Wiesner entwarf, überlegte, konstruierte. Schweriner Kollegen übersetzten diese Ideen im Fahrzeugbau. So entstand der Buggy nicht in einem Zug, sondern in vielen Schritten. Nach jedem Rennen, nach jeder Saison wurde er wieder zerlegt. „Wenn wir vom letzten Rennen gekommen sind, wurde alles auseinandergebaut“, erzählt Wiesner.

Improvisation mit Flugzeugstoßdämpfern

Was sich bewährt hatte, blieb, was Schwächen zeigte, wurde verändert oder ersetzt. Der Radstand wurde angepasst, das Fahrwerk überarbeitet, der Überrollbügel verstärkt. Jährlich wurden die Regularien für Rennen angepasst: „Daraus hat sich dann immer wieder ein neues Auto entwickelt.“ Anfangs mit dem Trabant-Motor, dann Wartburg und letztlich mit einem Lada-Motor.

Besonders spannend war die Suche nach den richtigen Bauteilen. In der DDR war kaum etwas einfach verfügbar, schon gar nicht für ein Spezialfahrzeug. Also musste das Team erfinderisch sein. Eine der bemerkenswertesten Lösungen fanden sie in der Luftfahrt. „Zum Schluss hatten wir Flugzeugstoßdämpfer gehabt von einer MIG und von einem Flugzeugtrainer“, erzählt er. Diese luftgefederten Stoßdämpfer hielten die Belastungen der Sprünge und der harten Landungen aus. Wie man daran kam? Wiesner sagt nur: „Man hat mit den Verantwortlichen der sowjetischen Streitkräfte Mittel und Wege gefunden.“

Auch bei vielen anderen Teilen war Improvisation gefragt. Wiesner suchte Kontakte nach Zwickau und Eisenach, knüpfte Verbindungen in die dortigen Versuchswerke und Betriebe. In Schkopau und Eisenach wurden Zahnräder, Wellen, Kupplungen und andere Spezialteile organisiert oder gefertigt. „Dafür einfach in ein Ladengeschäft zu gehen, die verschiedenen Zahnräder zu holen, war nicht möglich“, sagt er. Also entstand vieles als Einzelanfertigung. „Jede Kleinigkeit wurde entwickelt, von den Felgen angefangen bis zu den Nockenwellen“, so der Schweriner.

Von der DDR bis zur ČSSR: Rennen und ein Sieg

Die Fotografien zeigen den Buggy im Flug, in engen Kurven, mitten in einer Wolke aus Lehm und Staub. Sie zeigen, warum diese Rennen für die Beteiligten so besonders waren. „Es ging nicht nur um Platzierungen. Es ging um das Erlebnis, um den Wettbewerb, um die Bestätigung der eigenen Arbeit. Dafür sind wir sind alle 14 Tage gefahren“, sagt Wiesner.

Das sah meist so aus: Sonnabend Training, Sonntag Rennen, Montag Rückfahrt. In der DDR, in der damaligen ČSSR, in Bulgarien und Rumänien wurden diese Veranstaltungen zu großen Publikumsmagneten mit mehr als 40.000 Zuschauern. Wiesner selbst gehörte neun Jahre der Nationalmannschaft an. „Ich habe sogar gewonnen damals in der ČSSR“, sagt er.

Die Rennen lieferten den Stoff für die nächsten Verbesserungen. Jeder Sprung, jeder Defekt, jede gelungene Kurve floss in die nächste Entwicklungsstufe ein. Selbst die Sicherheit wurde weitergedacht. „Die Überrollbügel mussten geröntgt werden“, erinnert sich Wiesner. Später kamen Querstreben, Schutzgitter und leichtere Verkleidungen hinzu.

Wenn er die Fotos jetzt wieder in die Mappe schiebt, bleibt das Gefühl, dass dieser kleine Buggy viel größer war, als seine Maße vermuten lassen. Er war ein Gemeinschaftswerk aus technischem Können, Leidenschaft und Ehrgeiz. Nun steht er im Depot des Phantechnikums in Wismar, bewahrt als Teil der technischen Landesgeschichte. Doch auf den Schwarz-Weiß-Fotografien fliegt er noch immer über die Piste.