Schweriner Mutmacherinnen: „Ich dachte, ich muss sterben“
Schweriner Mutmacherinnen: „Ich dachte, ich muss sterben“

Ein kurzer Satz ihrer Frauenärztin verändert für Katrin Wendel alles: „Das sieht nicht gut aus.“ Es ist April 2022. Eigentlich wollte die Schwerinerin nur schnell zwischen zwei Arbeitsterminen zur Vorsorge. Doch nach einer langen Stille während des Ultraschalls steht plötzlich eine schreckliche Vermutung im Raum. „Von da an war ich irgendwie wie weg“, erinnert sie sich. Und dann kommt die Angst: „Auf einmal war da dieses Gefühl, dass ich sterben muss.“

Der Weg zur Diagnose

Schon ein halbes Jahr zuvor hatte sie einen Knoten in ihrer Brust ertastet. Doch immer kam etwas dazwischen: Weihnachten, der Alltag, ein verschobener Arzttermin. Inzwischen hatte sich sogar die Haut an einer Stelle nach innen gezogen. Es folgen Mammografie, Biopsie und schließlich die Gewissheit: Brustkrebs. „Ich bin morgens aufgewacht und habe gedacht, vielleicht war das alles nur ein schlechter Traum“, erzählt sie. Doch die medizinischen Unterlagen im Wohnzimmer erinnern sie jeden Morgen daran, dass alles Wirklichkeit ist.

Es beginnt eine Zeit voller Untersuchungen und Ängste. Eine Freundin, die selbst Brustkrebs hatte, begleitet Kati zu ihren Arztterminen. „Sie war mein zweites Paar Ohren“, sagt sie. Denn vieles von dem, was die Ärzte erklären, kann sie kaum aufnehmen. Nach der Operation folgt die Chemotherapie. Doch ihr fehlt etwas Entscheidendes: „Ich brauchte irgendwie jemanden, dem es gerade genauso geht wie mir.“

Die Gründung der Mutmacherinnen

Eine Selbsthilfegruppe besucht sie zwar, doch richtig angekommen fühlt sie sich dort nicht. Viele Frauen sind älter und haben ihre Erkrankung längst hinter sich. Kati sucht Menschen, die gerade Ähnliches durchmachen. Über Instagram kommt sie mit Susi in Kontakt. Beide verbindet die Leidenschaft für die Fotografie. Als auch Susi an Brustkrebs erkrankt, tauschen sie sich regelmäßig aus. Ihre Chemotherapien verlaufen nahezu zeitgleich. Aus gemeinsamen Ängsten wächst Vertrauen.

Als aus dem Brustzentrum die Anregung kommt, eine Gruppe für jüngere Brustkrebspatientinnen aufzubauen, sind beide zunächst skeptisch. Sie stehen mitten im Berufsleben und kämpfen selbst noch mit ihrer Erkrankung. Doch der Gedanke lässt sie nicht los. Susi holt ihre Freundin Anka dazu, die ebenfalls an Brustkrebs erkrankt war. Gemeinsam beschließen sie, es zu versuchen: einmal im Monat Kaffee trinken, reden und schauen, wer kommt.

Beim ersten Treffen im Januar 2023 sitzen bereits knapp 20 Frauen zusammen. Daraus ist ein Netzwerk und seit Oktober 2025 auch ein eingetragener Verein geworden. Heute gehören 81 Frauen zur WhatsApp-Gemeinschaft der Schweriner Mutmacherinnen, 55 sind Vereinsmitglieder. Die Frauen unternehmen Ausflüge, walken gemeinsam um den Ziegelsee oder verbringen Achtsamkeitswochenenden im Kloster. „Es erfüllt mein Herz“, sagt Kati. Doch eines betont sie: „Ohne Susi und Anka hätte ich das nie gemacht.“

Ein bewegender Moment beim Musikklub

Wie viel ihnen die Gemeinschaft bedeutet, zeigt sich am 29. September auf dem Schweriner Markt. Beim letzten Musikklub des Jahres spricht Kati über ihre Erkrankung und eine Zahl, die sie seit ihrer Diagnose beschäftigt: Etwa jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Früher habe sie deshalb manchmal in der Straßenbahn oder auf dem Marienplatz die Frauen um sich herum gezählt. „Wo sind sie denn jetzt alle?“, fragte sie sich.

Mit Unterstützung von Musikklub-Organisator David Kramer gelingt es ihr, diese Zahl sichtbar zu machen. Im Publikum werden Leuchtstäbe verteilt, die symbolisch zeigen sollen, wie viele Frauen betroffen sind: Jeder achte Besucher hält einen leuchtenden Stab in die Höhe. Als Kati von der Bühne in die Menge blickt, sieht sie überall die Lichter. „Ich war so gerührt“, erzählt sie. „Das ist auf einmal das, was ich immer sehen wollte.“

Weiterhin aktiv im Brustkrebsmonat

Auch nach diesem Abend machen die Mutmacherinnen weiter. Im Brustkrebsmonat Oktober werben sie unter anderem auf den Bildschirmen der Schweriner Straßenbahnen mit der Botschaft „Go Pink – Geh zur Vorsorge“. Beim Heldenmarsch am 10. Oktober unterstützen mehrere Frauen die Veranstaltung. Kati hofft vor allem, dass andere Frauen früher reagieren, als sie es damals getan hat. „Wenn wir da irgendwie drei, vier Frauen mit erreicht haben, vielleicht doch zur Vorsorge zu gehen, haben wir das erreicht, was wir wollten.“ Für ihr Engagement erhielt sie Anfang 2026 einen Ehrenpreis der Krebsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern.