Der frühere Chefauswerter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Winfried Ridder, hat eingeräumt, dass seine Behörde bei der Analyse der RAF-Terroristen der zweiten Generation in der Bundesrepublik komplett falsch lag. „Ich habe Scham empfunden, weil in diesem Augenblick sichtbar wurde, dass ich mit meinen Mitarbeitern zusammen zu einer völligen Fehleinschätzung gekommen bin, in den damaligen Analysen“, erklärte Ridder in dem Doku-Drama „Staatsgeheimnis RAF - Terroristen in der DDR“, das am Montagabend um 23.35 Uhr im Ersten gezeigt wird.
Die Aufdeckung 1990
Ridder bezieht sich auf das Jahr 1990, als im Juni nach und nach alle zehn RAF-Aussteiger, die mithilfe des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Unterschlupf in der DDR gefunden hatten, aufgedeckt und verhaftet wurden. Darunter waren Silke Maier-Witt und Henning Beer in Neubrandenburg, Susanne Albrecht in Berlin, Sigrid Sternebeck und Ralf Baptist Friedrich in Schwedt sowie Monika Helbing und Ekkehard Freiherr von Seckendorff-Gudent in Eisenhüttenstadt.
Das Bundeskriminalamt (BKA), der Bundesnachrichtendienst (BND) und der Verfassungsschutz hatten zuvor keine Ahnung, dass die nach dem Deutschen Herbst 1977 steckbrieflich gesuchten Terroristen 1980 von der DDR aufgenommen worden waren. Zehn Jahre lang hatten sie umsonst nach den RAF-Leuten gefahndet, die sie eher im Nahen Osten vermuteten.
Verblüffung bei den Ermittlern
Rainer Hoffmeyer, damals Leiter der Terrorismusbekämpfung im BKA, sagte in dem Dokumentarfilm: „Wir waren verblüfft. Wir haben gesagt: Warum haben die sich das getraut? Die waren absolut sicher, dass das nicht rauskommt.“ Mit „die“ meinte er einerseits das MfS, speziell die Terrorabwehr in der Hauptabteilung XXII, andererseits die SED-Führung, von der mindestens SED-Chef Erich Honecker sowie Stasichef Erich Mielke vom Staatsgeheimnis Nummer 1 wussten. Wäre die Abmachung zwischen der RAF und dem MfS herausgekommen, hätte das die Annäherung zwischen Ost und West zunichtegemacht. Der Besuch Erich Honeckers 1987 bei Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn wäre garantiert abgesagt worden.
Akribische Recherche des Autors
Carl Räfle, der Autor des Dokudramas, arbeitete mehr als zehn Jahre an dem Projekt. Bereits 2015/16 hatte er im Stasiunterlagenarchiv zu dem Thema geforscht. Ein anderes Filmprojekt und die Coronapandemie sorgten für eine Verzögerung. Räfle stellte Silke Maier-Witt in den Mittelpunkt, die in Hoyerswerda, Erfurt und Neubrandenburg lebte und arbeitete. Er bekam auch entscheidende Protagonisten der Sicherheitsorgane der Bundesrepublik vor die Kamera, neben Ridder und Hoffmeyer insbesondere Karl Röth, Zielfahnder des BKA. Der mittlerweile 88-jährige Röth vernahm 1986 einen jungen Mann, der Silke Maier-Witt in der DDR erkannt hatte. Der Mann hatte sie unter dem Namen Angelika Gerlach in einem Erfurter Krankenhaus beim Studium in Weimar kennengelernt. Nach einem Fluchtversuch kam er in der DDR in Haft, die Bundesrepublik kaufte ihn als politischen Häftling frei.
Auf einem Fahndungsplakat erkannte der Mann seine Mitstudentin wieder. Karl Röth war überzeugt, dass die Terroristin in der DDR untergetaucht war, ebenso sein Vorgesetzter. Doch höheren Ortes stieß diese Information auf Unglaube. Die Stasi konnte Maier-Witt rechtzeitig aus Erfurt abziehen und ihre Spuren als Angelika Gerlach verwischen.
Räfle hat viele historische Filmaufnahmen aus Ostberlin, Hoyerswerda, Erfurt, Neubrandenburg und Köthen in den Archiven aufgestöbert. Sein Team wagte sich auch an durch Künstliche Intelligenz (KI) erzeugte Sequenzen, die Silke Maier-Witt und Susanne Albrecht „verjüngt“ in der DDR zeigen, etwa bei der Ankunft 1980 auf dem Berliner Ostbahnhof oder beim Dorffriseur in Briesen, wo die Aussteiger in einem Stasi-Objekt auf ihr neues DDR-Leben vorbereitet wurden. Besonders beeindruckend sind die nachgestellten Szenen in einer Ostberliner Klinik, wo Silke Maier-Witts Nase nach der drohenden Enttarnung auf Geheiß der Stasi gerichtet wurde.
Der Film „Staatsgeheimnis RAF - Terroristen in der DDR“ läuft am Montag, 12. Oktober, um 23.35 Uhr im Ersten. Das Dokudrama kann zudem jederzeit in der ARD-Mediathek abgerufen werden.