AfD-Insider: So verspielte die Partei in MV die Regierungsübernahme
AfD-Insider: So verspielte die Partei die Regierungsübernahme

Daniel Fiß, Kampagnenleiter der AfD im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern, hat eine schonungslose Analyse über Strategie und Pannen der Partei verfasst. Auf 25 Seiten beschreibt er den Weg der Partei bis zum Wahltag. Besonders schlecht kommt dabei der Ministerpräsidentenkandidat Leif-Erik Holm weg – vor allem wegen Unzuverlässigkeit und Eigennutz.

Regierungsübernahme sei „verspielt“ worden

„Ein öffentlich gewollter Regierungsanspruch trifft auf organisatorische Dysfunktionalität“ – mit diesen Worten eröffnet Fiß seinen Text. Es sei eine Art Tagebuch eines gescheiterten Wahlkampfs, denn das Ziel einer Regierungsübernahme in MV wäre laut Fiß umsetzbar gewesen. Dies sei aber „verspielt“ worden.

Punkt für Punkt arbeitet er sich an Fehlern ab, hebt aber auch Gelungenes hervor. Dass die AfD mit Ministerpräsidentenkandidat Leif-Erik Holm plus Spitzenkandidat Enrico Schult antrat, sei problembehaftet gewesen. Beide hätten „Stärken und Schwächen“. Für Holm habe seine langjährige Erfahrung vor allem mit Medien gesprochen. Er sei das „Gesicht des Landesverbandes“ und gelte „als bürgerliche Erscheinung“, die auch Wähler jenseits der AfD-Klientel erreicht. Problem: die Tatsache, dass Holm jederzeit wieder ohne Risiko in den Bundestag konnte. Für Schult habe ein „frischer und junger Aufbruch“ gesprochen. Problem: fehlende Bekanntheit.

„Kommunikativ und organisatorisch ein Desaster“

Wer aber wird die Nummer eins? Diese Frage hätten Holm und Schult unter sich geklärt – ohne den Landesverband einzubinden. Da Holm dies im Vorstand nicht reichte, habe er mit einem Mitgliederentscheid gedroht – sich seiner Beliebtheit in der Gesamtpartei gewiss. „Kommunikativ und organisatorisch war diese Entscheidung ein absolutes Desaster“, bilanziert Fiß. Immer wieder habe es „begriffliche Diffusionen“ gegeben. Zur Realität der Partei gehörte, dass Ende 2025 parallel ein neuer AfD-Landesvorstand gewählt wurde, der mehrheitlich nicht Holm zuzurechnen sei.

Holm als MP-Kandidat und Führungsfigur bekommt in der Analyse vielfach sein Fett weg. Beispiel: Kommunikation zur Wahlkampagne. Einer Arbeitsgruppe sei er fern geblieben und habe sich auch nicht über Ergebnisse informiert, schreibt Fiß. Zitat: „Der MP-Kandidat entkoppelte sich selbst oftmals sehr deutlich von der Kampagne seiner Landespartei.“ Andere hätten die Hauptarbeit leisten müssen. Es habe „schlicht und ergreifend keine regelmäßigen Abstimmungen“ gegeben. Holm selbst habe keine Impulse gebracht, stattdessen gar „eine Parallelkampagne“ initiiert.

„Führungsschwäche und organisatorisches Versagen“

Thema AfD-Veranstaltungen: Holm habe es verschlafen, die AfD-Bundeschefs Alice Weidel und Tino Chrupalla frühzeitig zu Events anzufragen. „Es vergingen Wochen, und nichts geschah“, so Fiß. Dass es schließlich Grimmen und Neubrandenburg als Orte wurden, habe „Spott und Häme“ von Mitgliedern gebracht.

Auf eine mögliche Übernahme der Regierung – das offizielle AfD-Ziel – sei die Partei nicht vorbereitet gewesen. Der Landesverband habe „zuweilen etwas paralysiert“ gewirkt. Es fallen Attribute wie „provinziell“ und „wenig vernetzt“. Die Vorbereitung der Partei auf Regierungsaufgaben sei schlecht gewesen. Fiß‛ Urteil: „Es kam wenig bis gar nichts! Kein Personaltableau, keine Vorstellung einer möglichen Rollenverteilung, kein informell-administratives Steuerungskonzept zur Balancierung von Regierung, Fraktion und Partei ...“ MP-Kandidat Holm habe seinem eigenen Landesvorstand misstraut und oft eigenständig kommuniziert. Fiß: „Das ist Führungsschwäche und organisatorisches Versagen.“ Nicht zuletzt: Dass Holm & Co bis zum Ende das Ziel der alleinigen AfD-Mehrheit proklamierten, sei ein Fehler gewesen – da Umfragen längst anderes aufzeigten.

Vorbild Sachsen-Anhalt

Als Vorbild sieht Fiß offenbar die AfD in Sachsen-Anhalt. Diese habe eine „legendäre Kampagne“ geführt. Der dortige Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sei „eine außergewöhnliche Erscheinung“. Und: Die AfD dort habe mit rund zwei Millionen Euro rund dreimal so viel Geld für den Wahlkampf gehabt. Spenden seien auch in MV Thema gewesen. Schult und Holm hätten geantwortet: „Ja, müsste man machen.“ Fiß: „Operativ umgesetzt wurde jedoch nichts.“

Auf Anfrage ordnet Fiß selbst ein: Die Analyse sei für interne AfD-Zwecke verfasst worden. Er setze sich „lediglich“ auf wenigen Seiten kritisch mit Holms Kommunikation auseinander. Es sei kein Geheimnis, dass Holm und er „unterschiedliche Vorstellungen von der strategischen Ausrichtung und dem Selbstbild der Alternative für Deutschland haben“.