Nach dem Wahlsieg der AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern drohen potenzielle Gäste damit, künftig um Stadt und Region einen Bogen zu machen. Das Schweriner Rathaus sowie Tourismuseinrichtungen im ganzen Land erhalten negative Rückmeldungen, manchmal auch unter der Gürtellinie.
Beleidigende Kommentare auf Social Media gelöscht
Schwerins Stadtsprecherin Michaela Christen sagte auf Anfrage, nicht nur die Stadt Schwerin, sondern auch die Tourist-Infos und Tourismusmarketingorganisationen in ganz Mecklenburg-Vorpommern hätten solche Reaktionen bekommen. Auch auf Social Media habe es negative Kommentare gegeben. „Die Posts haben wir aber nicht archiviert und manchmal auch gelöscht, wenn sie beleidigend oder unter der Gürtellinie waren.“
Die Landeshauptstadt stellte zwei Schreiben anonymisiert zur Veröffentlichung zur Verfügung. Ein Schreiber findet das starke Abschneiden der AfD „zum Davonlaufen“ und kündigt an, deswegen nie wieder nach MV zu fahren. Die Folgen würden die Menschen im Land noch „heftig zu spüren“ bekommen. „Die Wiedervereinigung wurde nicht gemacht, damit der gesamte Osten mehrheitlich AfD wählt.“
Treuer Gast kündigt Besuchsverzicht an
Ein seit zwei Jahrzehnten treuer Gast sendet herzliche Grüße „in die Urlaubsregion unseres Herzens“. Nach den Wahlergebnissen bei der Landtagswahl würden seine Familie, Eltern und Schwiegereltern das Bundesland touristisch nicht mehr besuchen. „Ich persönlich möchte niemanden unterstützen (auch nicht monetär), der solche Werte der AfD vertritt.“ Er wünscht MV als Land „Einsicht, Zivilcourage und Moral“.
Die Schweriner Stadtverwaltung hat beide Schreiben beantwortet: „Wir verstehen, dass das Ergebnis der Landtagswahl bei Ihnen Besorgnis auslöst. Zugleich möchten wir einem pauschalen Urteil über Schwerin und die Menschen, die hier leben, widersprechen.“ Ein Wahlergebnis bilde nicht die Haltung einer ganzen Stadt und ihrer Menschen ab.
Boykott trifft Gastgeber und Kulturschaffende
„Wenn Sie sich aufgrund des Wahlergebnisses entscheiden, Schwerin nicht mehr zu besuchen, bedauern wir das“, antwortete die Stadt weiter. Denn ein touristischer Boykott treffe nicht eine politische Partei, sondern Gastgeberinnen und Gastgeber, Kulturschaffende, Unternehmen und Beschäftigte – darunter viele Menschen, die sich „jeden Tag für ein offenes und gastfreundliches Schwerin“ einsetzen.
Beim Tourismusverband Mecklenburg-Schwerin, der Orte und Regionen von Zarrentin am Schalsee über Schwerin, die Lewitz und Sternberg bis nach Plau am See touristisch vermarktet, gingen „vereinzelt negative Rückmeldungen mit politischem Bezug“ ein, im Zeitraum rund um die Landtagswahl 2026 weniger als fünf. Darin hätten Menschen per Telefon, E-Mail und über den Instagram-Kanal erklärt, künftig auf einen Urlaub in der Region verzichten zu wollen oder rieten von Reisen nach MV ab.
Kampagne wirbt um alle Gäste
Als Gründe hätten sie das Wahlergebnis mit der AfD als stärkste Kraft genannt, durch das sie sich in Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr willkommen fühlten, sowie persönliche Wertevorstellungen und vermindertes Sicherheitsgefühl, teilte der Verein mit. Der Verband nimmt diese Rückmeldungen nach eigener Darstellung ernst und bedauert, wenn sich Menschen „gegen einen Besuch in unserer Region“ entscheiden. Mecklenburg-Schwerin verstehe sich als offene und gastfreundliche Urlaubsregion. „Hier engagieren sich täglich Menschen für Vielfalt, Zusammenhalt und ein respektvolles Miteinander.“
Diese Haltung spiegele sich auch in der aktuell bundesweit ausgestrahlten Kampagne „Herbstlich Willkommen“ der MV Tourismus GmbH wider, die online, auf Social Media sowie mit analogen Werbemaßnahmen „in verschiedenen Städten präsent ist und alle Gäste zu einem Herbsturlaub in Mecklenburg-Vorpommern“ einlade.