Debatte um Entschuldigungsbrief: Ostdeutsche erinnern an Demütigungen
Debatte um Entschuldigungsbrief: Ostdeutsche erinnern sich

Ein offener Brief von Thomas Hönscheid, in dem er für „Verletzungen, Demütigungen und Ungerechtigkeiten“ um Verzeihung bittet, hat eine neue Debatte über Anerkennung und Ungerechtigkeit ausgelöst. Viele Ostdeutsche können die Entschuldigung nicht annehmen – sie berichten von nicht anerkannten Abschlüssen und Lohnlücken, die bis heute nachwirken.

Leser kritisieren fehlende Anerkennung von Qualifikationen

Leser Dyrk hält das Schreiben für „zu spät“. Die „Heerscharen von qualifizierten Wessis“, die im Osten mit sogenannten „Buschzulagen Karrierechancen bekommen“ hätten, hätten bleibende Schäden hinterlassen. Bis zur „wirklichen Wiedervereinigung“ werde es seiner Ansicht nach noch „Generationen“ andauern.

Leserin Ina erkennt in Hönscheids Brief zwar eine „sehr nette persönliche Geste“, doch das könne „all das Unrecht nicht gut machen“. Ihr Vater sei Diplom-Bauingenieur gewesen, sein Abschluss nach 25 Dienstjahren jedoch nicht anerkannt worden. „Wie ist das erklärbar, oder gab es in der Bundesrepublik andere mathematische und physikalische Gesetze?“, fragt die Leserin. Nur das Diplom ihres Bruders von der TU Dresden sei anerkannt worden, andere hätten „nachsitzen“ müssen.

Auch sie selbst habe abwertende Erfahrungen gemacht: „Doofe, faule Ossis“ sei ihr noch 14 Jahre nach der Wende ins Gesicht gesagt worden. Ihr gehe es dabei nicht ums Jammern, betont Ina. „Es geht darum, wie mit den Ostdeutschen umgegangen wird.“

Forderung nach Entschuldigung von Verantwortlichen

Leserin Bärbel findet die Entschuldigung zwar gut und rechnet sie dem „Otto-Normalverbraucher“ hoch an. Doch für sie reicht das nicht: „Solange diese Entschuldigung nicht von den verantwortlichen Parteien/damaligen Verantwortlichen kommt (CDU), hat das für mich nur wenig Wert.“ Was bringe es, wenn es die Bürger verstünden, „die ‚da oben‘ aber nicht verstehen wollen“, fragt sie rhetorisch.

Leser Tom sieht auch den politischen Appell des Briefes kritisch. „Entschuldigung ist fein, Anbiedern nicht“, schreibt er und fragt: „Welchen Schluss soll man daraus ziehen? Wenn ich AfD wähle, kriege ich die Entschuldigung, die ich mir viel früher gewünscht hätte?“

Der 1990 geborene Brandenburger habe selbst zahlreiche Geschichten über die Zeit nach der Wende in seiner Familie und seinem Umfeld mitbekommen – von beruflichen Problemen bis zu deutlich schlechterer Bezahlung ostdeutscher Arbeitnehmer. Seine Mutter sei nach einer Kur und einer Ausbildung zur Technischen Zeichnerin nach der Wende nicht mehr gebraucht worden, weil Computer ihre Arbeit übernahmen. Später habe sie wegen ihrer Schwangerschaft und ihres Kindes Schwierigkeiten bei der Jobsuche bekommen.

Kritik an politischen Appellen und AfD-Protest

Leser Bernd aus Sachsen bedankt sich zwar für Hönscheids Brief, merkt aber an, dass die beschriebenen Ungerechtigkeiten nach der Wende keineswegs Einzelfälle gewesen sind. Viele Ostdeutsche seien schlicht nicht darauf vorbereitet gewesen, „bei Geschäften derartig betrogen zu werden“. Bernd kritisiert zudem, dass vieles aus Ostdeutschland nach der Wende zu wenig berücksichtigt worden sei. Gerade die Stimmen von Erziehern und Lehrern seien kaum in die Politik der neuen Bundesrepublik eingeflossen.

„Eine Entschuldigung, der keine Taten folgen, ändert an den bestehenden Problemen nichts – so gut sie auch gemeint ist“, lautet sein Fazit. Auch Hönscheids Appell, „uns Ossis zu überzeugen, dass es besser sei, die alten Parteien anstatt der AfD zu wählen“, stößt bei ihm auf scharfe Kritik. Damit werde aus seiner Sicht „das bestehende dysfunktionale System“ als alternativlos dargestellt.

Viele Menschen wählten die AfD seiner Einschätzung nach vor allem aus Protest: „Viele meiner Bekannten kennen nicht mal deren Wahlprogramm, sondern es geht darum, die Regierung loszuwerden oder sie endlich aufzuwecken“, betont Bernd. Gleichzeitig warnt er davor, den Osten deshalb pauschal als Gefahr für die Demokratie darzustellen. „Egal welche der Altparteien ich wähle, es kommt nie das heraus, was versprochen wurde“, kritisiert er. Die Reaktion auf die AfD bestehe seiner Meinung nach zu häufig aus Verbotsforderungen statt aus einer Auseinandersetzung mit den Ursachen ihrer Zustimmung.

Und auch beim Thema Ukraine-Krieg widerspricht der Leser dem Autor. Er würde – wenn er denn müsste – sich selbst eher als einen der „Putinversteher“ einordnen, die gute Beziehungen zu Russland für wichtig hielten und die Ursachen des Krieges nicht ausschließlich beim Kreml sehen. Auch die deutsche Wirtschaftskrise könne „nicht allein Putin zugeschrieben“ werden, politische (Fehl)-Entscheidungen der vergangenen Jahre – insbesondere in der Energie- und Wirtschaftspolitik – haben seiner Meinung nach stark dazu beigetragen. „Insofern ist das Wahlverhalten im Osten auch eine Reaktion auf die Angst vor einem Krieg, in den uns unsere Politiker ziehen wollen und vor der Unfähigkeit der aktuellen Politikergeneration die Interessen unseres Landes an erster Stelle zu vertreten“, findet Bernd. Die aktuellen Probleme – von der rasanten Entwicklung der KI bis zu den weltweiten militärischen Konflikten – könnten Deutschland und Europa „ohnehin nur gemeinsam lösen“, meint er zusammenfassend.

Positive Sicht eines Fotografen auf die Wende

Eine ganz andere Position vertritt Leser Ralf. Er hält eine Entschuldigung grundsätzlich für unnötig. „Ich bin Ostdeutscher, geboren 1959 in der Mark Brandenburg unweit der Oder. Aufgewachsen in Berlin-Lichtenberg. Bei mir braucht sich keiner zu entschuldigen.“

Ralf ist nach eigenen Schilderungen bereits seit Mitte der 1980er-Jahre Gegner der SED-Diktatur gewesen. Er habe „von der DDR nichts mehr erwartet“ und, wo er konnte, gegen das System gearbeitet. Als Fotograf habe er in der DDR wegen des „Parteijournalismus“ zudem kein Journalist werden können, doch nach 1990 hätten sich für ihn dagegen neue Möglichkeiten eröffnet. Auch er habe sich nach der Wende einen neuen Job suchen müssen, weil sein Schwarz-Weiß-Fotolabor keine Zukunft mehr gehabt habe. Eine Demütigung sei das für ihn allerdings nicht gewesen: „Und über den Tisch gezogen hat mich auch keiner“, berichtet Ralf.

Seine Sicht auf die Wiedervereinigung fällt deshalb deutlich positiver aus als die mancher anderer Leser. „Mein schönster Tag in der DDR war ihr Untergang“, meint Ralf, der an diesem Tag mit seiner Kamera live dabei war. Für ihn liegt die entscheidende Trennlinie deshalb weniger zwischen Ost und West als zwischen Menschen, die das DDR-System ablehnten, und jenen, die es mitgetragen hätten. Die Rede ist von „NVA-Offizieren, Stasispitzel, SED-Parteifunktionären und Ähnliche, die auf das falsche Pferd Sozialismus setzten“, so der Brandenburger. Viele Leser haben dem Verfasser die Entschuldigung auch abgenommen und hoch angerechnet.