Mecklenburgs vergessener Bildhauer Hugo Berwald: Werke prägen das Land
Mecklenburgs vergessener Bildhauer Hugo Berwald

Hugo Berwalds Werke prägen vielerorts das Stadtbild in Mecklenburg, auch wenn sein Name kaum noch bekannt ist. Menschen laufen an ihnen vorbei, warten daneben auf den Zug, spazieren durch Parks, besuchen Friedhöfe oder sehen eine Büste, ohne den Mann dahinter zu kennen. Berwald war einer der Bildhauer, die Mecklenburg um 1900 ein Gesicht gaben – oft buchstäblich.

Vom Glaserkitt zur großen Kunst

Geboren wurde er am 10. Februar 1863 in Schwerin. Sein Vater Wilhelm Berwald war Hofspiegellieferant und Kommerzienrat. In dessen Werkstatt fand der Junge ein Material, das ihn früh beschäftigte: Glaserkitt. Daraus formte er kleine Figuren und Köpfe. Was wie Spielerei begann, wurde Beruf. Aus dem Sohn eines Hoflieferanten wurde ein Künstler, der Großherzöge, Gelehrte, Sänger, Bischöfe und Trauernde in Bronze, Marmor und Stein festhielt.

Von 1881 bis 1884 studierte Berwald an der Berliner Kunstakademie. Dort lernte er bei Albert Wolff und Fritz Schaper, zwei Bildhauern aus der Tradition der Berliner Rauchschule. Diese Ausbildung prägte ihn sichtbar: Seine Arbeiten wirken selten überladen. Viele Figuren stehen ruhig, kontrolliert, genau beobachtet. Berwald suchte nicht den schnellen Effekt, sondern Haltung, Gesichtsausdruck und handwerkliche Präzision.

Der Hof öffnete ihm Türen

Nach dem Studium ließ er sich in Berlin-Grunewald nieder. Mecklenburg blieb trotzdem sein wichtigster Bezugspunkt. 1887 schuf er für Neukloster eine Büste des Großherzogs Friedrich Franz II. Das Denkmal stand am Lehrerseminar und begründete seine enge Verbindung zum Schweriner Hof. Die Büste selbst überstand das 20. Jahrhundert nicht; sie wurde im Zweiten Weltkrieg für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Doch der Auftrag öffnete Berwald Türen, die für seine Laufbahn entscheidend wurden.

Großherzog Friedrich Franz III. förderte den jungen Bildhauer. Als Berwald sich um ein Reisestipendium für Rom bewarb, bekam er gleich mehrere Unterstützungen aus Hof- und Ministerialmitteln. Rom war für Künstler jener Zeit kein touristischer Abstecher, sondern eine Schule unter freiem Himmel: Antike Skulpturen, Renaissancekunst, Kirchen, Grabmäler, Werkstätten. Berwald lebte und arbeitete dort bei dem Bildhauer Joseph von Kopf.

In Rom fand er nicht nur künstlerische Orientierung. Er heiratete 1892 Martha von Kopf, die Tochter seines Lehrers. Spätere Aufenthalte in Italien hatten auch damit zu tun. Der Aufenthalt schärfte seinen Blick für Marmor, Körperformen und feierliche Ruhe. Genau diese Mischung aus Können und Zurückhaltung machte ihn später für Porträts der höfischen Welt interessant.

Büsten für Kaiser und Großherzöge

Berwalds Auftraggeber waren nicht nur mecklenburgische Adlige. 1889 entstand eine Büste Kaiser Wilhelms II. für das Schweriner Offizierscasino. 1895 hielt er sich bei Otto von Bismarck in Friedrichsruh auf, um Studien für eine Büste des früheren Reichskanzlers anzufertigen. Auch Hans von Bülow, Heinrich von Stephan, Georg Beseler, Heinrich von Treitschke und andere bekannte Persönlichkeiten der Zeit gehörten zu seinem Kreis von Motiven.

Trotz dieser großen Namen blieb Mecklenburg sein dichtestes Arbeitsfeld. In Schwerin entstanden Büsten Friedrich Franz' III., ein Relief für den Sänger Karl Hill am Staatstheater, später das Alexandrine-Denkmal im Schlossgarten, die Schliemann-Büste am Pfaffenteich, das Basedow-Denkmal und der Brunnen „Rettung aus Seenot“. Doch wer Berwald nur mit Schwerin verbindet, übersieht, wie weit seine Spuren im Land reichen.

Spuren im ganzen Land

In Neukloster begann seine höfische Karriere. In Lübtheen erinnerte eine Büste an Großherzog Friedrich Franz III. und an eine Zeit, in der die Stadt vom Bergbau träumte. Dort standen Gipswerk, Kalischacht, Wasserturm und Arbeiterwohnungen; Lübtheen war kurzzeitig ein Industrieort mit großem Selbstbewusstsein. 1906 wurde Berwalds Denkmal am Schacht Friedrich Franz enthüllt, geschaffen im Auftrag der Bergbau-Gewerkschaft.

Dieses Denkmal erzählt heute eine zweite Geschichte. Der Bergbau endete abrupt: Wassereinbrüche zerstörten 1912 den Schacht Herzog Regent in Jessenitz und 1916 den Schacht Friedrich Franz in Lübtheen. Rund 1000 Arbeitsplätze gingen verloren. 1936 wurde die Büste nach Ludwigslust versetzt, weil das ehemalige Bergwerksgelände anderweitig genutzt werden sollte. Seitdem steht sie im Schlosspark Ludwigslust. Lübtheen hätte sie später gern zurückgeholt, doch daraus wurde nichts.

Auch Stavenhagen gehört zu Berwalds Mecklenburg-Karte. Als ein Fritz-Reuter-Denkmal entstehen sollte, beteiligte er sich am Wettbewerb. Sein Entwurf kam in die engere Auswahl, den Zuschlag erhielt am Ende Wilhelm Wandschneider. Berwalds Reuter-Statuette blieb dennoch erhalten; ein Exemplar befindet sich im Reuter-Museum Stavenhagen, ein weiteres im Regionalmuseum Neubrandenburg.

In Kronskamp bei Brüel findet sich ein anderer Berwald: weniger höfisch, stiller, persönlicher. Dort steht ein „Christus am Kreuz“ aus Bronze auf dem Gutsfriedhof. Eine zweite Ausführung desselben Motivs steht auf dem Alten Friedhof in Schwerin. Gerade diese Christusfigur wurde später eng mit Berwalds eigenem Ende verbunden. Der Tod seiner Frau Martha, deren Gesundheit lange schwach gewesen war, inspirierte ihn zu diesem Werk. Verkaufen musste er es dennoch.

Provokation und Zerstörung

Berwald konnte würdige Großherzöge in Marmor setzen, aber er konnte auch provozieren. Sein bekanntestes öffentliches Werk in Schwerin ist der Brunnen „Rettung aus Seenot“, 1911 zunächst auf dem Markt aufgestellt und 1927 auf den Platz vor dem Hauptbahnhof versetzt. Die Figurengruppe zeigt einen kräftigen nackten Retter, der eine entblößte junge Frau aus dem Wasser zieht. Für eine Zeit, in der selbst Badekleidung noch viel Stoff verlangte, war das eine auffällige Szene.

Der Brunnen beschäftigte die Stadt nicht nur wegen der nackten Körper. Schon 1912 beschwerte sich Berwald selbst, dass die Wasserstrahlen aus den Mäulern der Seehunde nicht kräftig genug gegen das Wrack spritzten. Er wollte, dass sein Werk auch als Wasserspiel funktionierte. Die Stadt erhöhte damals offenbar den Druck. Mehr als hundert Jahre später wurde wieder über den müden Wasserstrahl gestritten.

Zu Berwalds eindrucksvollsten Arbeiten gehört das Marmorstandbild der Großherzogin Alexandrine im Schweriner Schlossgarten. Die Figur wurde 1907 enthüllt. Berwald stellte Alexandrine nicht als junge Schönheit dar, sondern als alte Frau mit Würde, Falten, Haube und ruhiger Strenge. Das war ungewöhnlich. Viele Denkmäler beschönigen Alter; Berwald machte es sichtbar.

Das Denkmal selbst hatte später schwer zu kämpfen. Der feinkörnige Seravezza-Marmor verwitterte, Risse liefen tief ins Material, die Statue war in den 1990er-Jahren akut bedroht. 1994 wurde sie abgebaut und zu einer Spezialfirma bei Bamberg gebracht. Dort wurde sie getrocknet, konserviert, stabilisiert und restauriert. 1995 kehrte Alexandrine zurück.

Berwalds Büste von Heinrich Schliemann am Pfaffenteich gehört zu jenen Arbeiten, die vielen Schwerinern vertraut sind. Schliemann, der Ausgräber von Troja, stammte aus Mecklenburg und wurde von Berwald in Bronze verewigt. 1895 wurde die Büste enthüllt. Doch auch sie blieb nicht unversehrt: 2011 wurde sie gestohlen und irreparabel beschädigt. 2012 entstand ein Neuguss.

Vergessen und neu entdeckt

Der Erste Weltkrieg und das Ende der Monarchie trafen Berwald hart. Sein berufliches Netzwerk war stark mit Hof, Adel und großbürgerlichen Auftraggebern verbunden. Nach 1918 änderten sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Denkmäler für Großherzöge und höfische Porträts waren weniger gefragt. Berwald geriet in finanzielle Not.

Um 1928 kehrte er verschuldet nach Schwerin zurück und lebte bei seiner Schwester. Die Stadt übernahm teilweise Schulden und gewährte ihm eine kleine Ehrenpension. Aus dem gefragten Bildhauer, der Großherzöge und berühmte Männer porträtiert hatte, wurde ein zurückgezogener alter Mann. Am 14. Februar 1937 starb Hugo Berwald krank, vereinsamt und fast vergessen in seiner Geburtsstadt.

Beigesetzt wurde er auf dem Alten Friedhof in Schwerin, unter einer Ausführung seines eigenen Kruzifixes. Seine Frau Martha wurde später von Bad Rothenfelde nach Schwerin umgebettet. Kinder hinterließ das Paar nicht. Was blieb, waren Figuren, Büsten, Reliefs, Brunnen und Denkmalgeschichten, die noch immer durch Mecklenburg führen. Wer heute nach Hugo Berwald sucht, muss nicht lange in Archiven blättern. Es reicht, genauer hinzusehen: in Schwerin auf dem Bahnhofsvorplatz, am Pfaffenteich, im Schlossgarten, in Ludwigslust, Stavenhagen, Neubrandenburg, Kronskamp oder an anderen Orten, an denen seine Arbeiten erhalten sind. Berwald hat dem Land Formen gegeben, die noch immer im öffentlichen Raum stehen – und oft mehr erzählen, als auf den ersten Blick zu sehen ist.