Psychische Erkrankungen sind in Mecklenburg-Vorpommern weiterhin auf dem Vormarsch. Der jetzt veröffentlichte „Fehlzeiten-Report 2026“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) zeigt, dass die Entwicklung im Nordosten besonders dramatisch ist – obwohl der krankheitsbedingte Arbeitsausfall insgesamt seit 2022 leicht zurückgeht. Knapp ein Fünftel aller erfassten Fehltage in MV geht mittlerweile auf psychische Erkrankungen zurück. Auf 100 AOK-versicherte Beschäftigte aus MV entfielen im vergangenen Jahr 497 Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen. 2016 waren es noch rund 314 Fehltage.
Dialogmarketing an der Spitze der Krankschreibungen
Mehrere Branchen stechen dabei besonders hervor: Beschäftigte im Dialogmarketing aus MV werden am häufigsten wegen psychischer Erkrankungen krankgeschrieben. Auf 100 Beschäftigte dieser Berufsgruppe entfielen 44,3 Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen. Das waren mehr als doppelt so viele Fälle wie im Durchschnitt aller Berufe (17,4). In der „Top5“ folgen Beschäftigte im Kundenmanagement (33,8), in der Fachkrankenpflege (31,2), in der Altenpflege (29,5) sowie in medizinisch-technischen Berufen im Laboratorium (29,4).
Diagnosen und regionale Unterschiede
Als häufigste Diagnosen bei psychischen Erkrankungen nennt der Fehlzeiten-Report Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, gefolgt von depressiven Episoden, anderen neurotischen Störungen, rezidivierenden depressiven Störungen und anderen Angststörungen. Auffällig: Zieht man andere norddeutsche Bundesländer – Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen – zum Vergleich heran, wird das Diagnosen-Ranking dort überall von depressiven Episoden angeführt. Beschäftigte dort sind also offenbar seltener schweren (psychischen) Belastungen ausgesetzt – oder sie meistern sie besser.
Längere Ausfallzeiten und Unterstützungsangebote
Psychischen Erkrankungen kommt auch deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil sie deutlich länger dauern als körperliche Beschwerden. Während eine Krankschreibung wegen einer psychischen Erkrankung in MV 2025 durchschnittlich rund 29 Tage dauerte, waren es zum Beispiel bei Atemwegserkrankungen nur rund sieben Tage.
„Hinter langen Fehlzeiten stehen Menschen, die Unterstützung brauchen. Wer psychischen Erkrankungen vorbeugen will, muss nicht nur den Einzelnen stärken, sondern auch belastende Arbeitsbedingungen verändern“, schreibt Anke Jurchen, Leiterin des betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der AOK Nordost, insbesondere Arbeitgebern ins Stammbuch.
Die größte Krankenkasse in MV unterstützt speziell kleine und mittlere Unternehmen mit dem Forschungsprojekt Implement dabei, psychische Gesundheit im Arbeitsalltag zu stärken. Dazu gehören Befragungen und Selbst-Checks, die dabei helfen sollen, Belastungen und Handlungsbedarf zu erkennen. Beschäftigte können wissenschaftlich geprüfte digitale Trainings etwa zu Stress oder Schlaf nutzen, auf Wunsch mit psychologischer Begleitung. Arbeitstrainings und moderierte Workshops setzen zugleich bei den Bedingungen im Betrieb an – etwa bei Arbeitsabläufen, Führung und Zusammenarbeit.