Verkehrswacht Neubrandenburg: Senioren fit am Steuer halten
Senioren-Fahrtraining bei der Verkehrswacht Neubrandenburg

„Ich melde mich zur Zeugnisausgabe!“ Mit diesem Scherz betrat der 83-jährige Gottfried Haiker die Räume des Neubrandenburger Ortsvereins der Verkehrswacht – und das, obwohl das Zeugnis eigentlich nur ein Protokoll war. Haiker hatte wie einige andere Senioren an Beobachtungsfahrten teilgenommen, die die Verkehrswacht als freiwilliges Fahrtraining anbietet.

Seit DDR-Zeiten hat sich viel geändert

Ziel des Trainings ist es, Verkehrskenntnisse frisch zu halten, wenn die eigentliche Fahrprüfung bereits Jahrzehnte zurückliegt. Denn seit DDR-Zeiten hat sich nicht nur die Straßenverkehrsordnung geändert, auch in den Autos ist technisch einiges hinzugekommen. Da kann man den Anschluss verlieren.

Hartmut Gnad von der Ortsverkehrswacht hat die Prüffahrten auf einer Strecke von gut 15 Kilometern quer durch Neubrandenburg konzipiert. Je nach Verkehrslage ist die Runde in 30 bis 45 Minuten zu bewältigen und enthält einige knifflige Situationen. Der pensionierte Fahrlehrer, der früher bei der NVA und später bei der Bundeswehr ausgebildet hat, fährt in den Privatautos seiner Probanden mit und schaut dabei genau zu. Er achtet auf die Verkehrsregeln und den Fahrstil.

„Wir müssen fair sein“

Fahren die Teilnehmer etwa eckig durch Kurven, lenken also zu grob ein und wieder aus? Ruckartige Bewegungen, Hektik oder Schwitzen geben Aufschluss, dass ein Fahrer sein Fahrzeug nicht genug unter Kontrolle hat – und dabei muss es nicht einmal am Alter liegen. „Wir müssen fair sein“, sagt Gnad, weshalb die Verkehrswacht bundesweit nach vergleichbaren Regeln arbeitet. Im Protokoll beurteilt er das Fahrverhalten anhand von drei Kriterien. Liegt es im grünen Bereich, kreuzt er „umsichtig“ an. Für „sozial tolerierte“ Fehler gibt es Abzug und „fehlerhaft“ sind dann die Momente, die bereits als Ordnungswidrigkeit gelten.

In dieser Gruppe haben sich alle Teilnehmer gut geschlagen, dennoch mahnt Gnad beim ausführlichen Auswertungsgespräch einige Punkte an. „Sie sind zügig unterwegs“, sagt er etwa, denn alle seien oft fast schon bis zur Toleranzgrenze mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit gefahren. Das habe ihn überrascht. Den Blick über die Schulter oder in den Spiegel hatte er oft vermisst und einige Rechts-vor-Links-Regeln ging er anhand eines Videos der Strecke im Detail durch.

Bloß nicht in Routine verfallen

Gnad gibt sich dabei gnädig: Die Verkehrswacht kann nur eine Empfehlung abgeben, die Kursteilnehmer entscheiden am Ende selbst, wie sie damit umgehen. Genau das kommt gut an. „Ich hatte keine Angst vor Konsequenzen“, sagt etwa Marina Maasch über ihre Beobachtungsfahrt. Sie würde dieses Angebot daher weiterempfehlen, und zwar besonders denen, die dazu neigen, nicht kritisch genug mit sich selbst zu sein. Schließlich mache erst dies einen guten Fahrer aus.

Ein weiterer Tipp von ihr: Fahrer sollten immer neue Strecken erkunden, um in Schwung zu bleiben. Nur derselbe Weg zum Einkaufen und zurück reiche auf Dauer nicht. Ohnehin ist sie überzeugt: „Fehler macht jeder im Straßenverkehr.“ Es habe ihr weitergeholfen, diese bei der Verkehrswacht in einem respektvollen Rahmen auszuwerten.

Ohne zu meckern, sollte es daher auch möglich sein, in der Familie oder unter Freunden Fehler anzusprechen. „Am besten nur kurz thematisieren, aber nicht überdramatisieren“, empfiehlt Gnad. Und wenn ein Beifahrer nichts sage, aber ständig die Hand am Haltegriff habe („Angstgriff“), dann sollte der Fahrer sich hinterfragen.

Verhängnisvoll sei es, wenn falsches Fahrverhalten zur Routine wird: „Wenn man anfängt, Regeln zu brechen, dann endet das nicht im Straßenverkehr.“ Wer etwa den Reiz habe, sein PS-starkes Auto auszufahren, sollte dies besser auf einer Teststrecke ausleben.

Weite Strecken besser mit Pause

Gottfried Haiker stieg nach der „Zeugnisübergabe“ wieder in seinen BMW. Er ist oft unterwegs: Die Familie lebt in Hamburg und Berlin, einmal im Jahr fährt er zum Weihnachtsmarkt ins Erzgebirge und zu einem Freund nach Stuttgart. Für diese weite Strecke plant er inzwischen eine Übernachtung ein – auf Anraten seiner Kinder. Inzwischen hat auch sein jüngster Enkel den Führerschein. Mit ihm war er kürzlich in Tschechien und auf der Autobahn gaben sie einander Tipps. Mit Erfolg: „Ich schaue nun öfter in den Rückspiegel.“