Senioren-WG im Kornspeicher: Heidemarie lebt wie im Prinzessinnen-Zimmer
Senioren-WG im Kornspeicher: Heidemarie lebt wie im Prinzessinnen-Zimmer

Heidemarie Beblein strahlt, wenn sie von ihrem Einzug erzählt: „Ich war die erste. Ich war die allererste, die hier in der Senioren-Wohngemeinschaft eingezogen ist. Ich durfte mir hier ein Zimmer aussuchen. Natürlich hab’ ich das größte und schönste genommen.“ Seit dem Sommer lebt die Schwerinerin im frisch sanierten alten Kornspeicher gegenüber der Paulskirche. Ihr Zimmer hat sie wie ein Prinzessinnen-Zimmer eingerichtet – alles in Weiß, mit selbst genähten Rüschenkissen.

Vom Alleinleben in die Gemeinschaft

Früher wohnte Heidemarie in einer 100-Quadratmeter-Wohnung in Schwerin. Wegen ihrer starken Sehbehinderung wurde das Leben dort schwierig. Ihre Tochter entdeckte die neue Senioren-WG im alten Speicher an den Bahnschienen. Nach einem Besuch war für Heidemarie klar: Lieber in die WG als ins Altenheim. „Meine Tochter ist inzwischen in meine alte Wohnung gezogen. An den Wochenenden besuche ich sie. Die Umstellung fällt mir gar nicht schwer. Ich fühl’ mich hier wohl. Ich hab’ alles richtig gemacht.“

Gemeinsames Leben und Kochen

In der Wohnküche herrscht ein freundschaftliches Miteinander. Mitbewohnerin Annett Ebert, die ebenfalls frisch eingezogen ist, schwärmt: „Ich bin so dankbar für diese Wohnform. Man hat ganz viel Freiraum und alles ist neu und schön. Das Personal ist toll. Egal, ob Frühdienst oder Nachtwache. Alle sind herzlich und freundlich zu uns.“ Gemeinsam mit der Köchin planen die Bewohner den Speiseplan und probieren neue Rezepte aus. Heidemarie hilft gern beim Kartoffelschälen – an manchen Tagen gibt es aber Pellkartoffeln, dann hat sie frei.

Die Senioren-WG bietet Platz für zehn Bewohner, aktuell leben dort fünf. Eine Etage tiefer gibt es eine weitere Pflege-Wohngemeinschaft. „Wir füllen die WGs gerade mit Leben“, sagt Silvia Szimtenings, Chefin des gleichnamigen Pflegedienstes. Sie hat die Idee zur WG entwickelt und vor 15 Jahren am Alten Moor die erste Senioren-WG dieser Art in Schwerin gegründet. Ihr Fazit: „Es läuft gut. Die Bewohner leben zusammen wie in einer großen Familie. Klar herrscht nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Aber dafür sind wir ja da. Wir vom Pflegedienst schlichten und unterstützen das Zusammenleben.“

Leben in den alten Gemäuern

Der Investor des seit 1990 leer stehenden Kornspeichers fragte bei Szimtenings an, ob sie eine Senioren-WG übernehmen wolle. „Ich hatte mein Konzept ja schon in der Schublade. Es musste nur noch alles auf die alten Gemäuer abgestimmt werden.“ Entstanden sind WGs mit Gemeinschaftsflächen von je 260 Quadratmetern. Die Zimmer sind 24 bis 36 Quadratmeter groß, haben ein eigenes Bad mit barrierefreier Dusche und meist einen Balkon. Die Straßenbahnhaltestelle liegt direkt vor der Tür.

„Die Bewohner sind hier zu Hause. Und wir vom Pflegedienst sind nur Gast in der Senioren-WG“, erklärt Szimtenings. Rund um die Uhr ist jemand im Haus, trotzdem soll sich der Alltag nicht nach einem Pflegeheim anfühlen. „Bei uns wird keiner im Zimmer abgestellt. Wir beziehen alle mit ein, die Senioren können in ihrer Freizeit mitbestimmen, was sie machen möchten.“ Eine Altersgrenze gibt es nicht, Voraussetzung ist Pflegegrad 2. „Die WG ist auch dafür gedacht, den Lebensabend hier zu verbringen. Wir haben Verbindungen zu Ärzte-Teams und Palliativ-Schwestern.“ Die Preise sind „vergleichbar mit einem stationären Platz im Heim, minimal günstiger“.

Heidemarie freut sich aufs Wochenende, wenn sie ihre Tochter besucht. Heute muss sie keine Kartoffeln schälen – die Zeit verbringt sie in ihrem „Prinzessinnen-Zimmer“, bis die Pellkartoffeln fertig sind.

Am 16. Oktober findet ein Tag der offenen Tür in der Senioren-WG im „Alten Speicher“ statt, 13 bis 17 Uhr, Franz-Mehring-Straße 13, 19053 Schwerin.