Fast 10.000 Mecklenburger und Vorpommern haben im Jahr 2025 eine Sucht- oder Drogenberatungsstelle im Nordosten aufgesucht, darunter knapp 1000 mitbetroffene Angehörige. Das geht aus dem Landessuchtbericht 2025 hervor. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Zahl der Hilfesuchenden leicht erhöht. Unverändert blieb, dass die meisten Klienten wegen Alkoholproblemen Rat suchten: exakt 5287. Allerdings stiegen die Fallzahlen hier erstmals seit 2019 wieder an.
Dunkelziffer bis zu zehnmal so hoch
Die Zahlen bilden nur die Spitze des Eisberges ab. „In unseren Beratungsstellen erreichen wir etwa zehn Prozent der Menschen mit einer Alkoholproblematik“, sagt Birgit Grämke, Geschäftsführerin der Landeskoordinierungsstelle für Suchtthemen (Lakost). Die anderen seien (noch) nicht bereit, sich helfen zu lassen oder würden das Problem nicht als solches erkennen. Nach dieser Berechnung trinken landesweit knapp 100.000 Menschen so viel Alkohol, dass sie ihre Gesundheit gefährden.
Kinder aus suchtbelasteten Familien besonders betroffen
Hinter jedem, der mit einer Abhängigkeit kämpft, steht oft eine ganze Familie, die darunter leidet, betont Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD). Besonders alarmierend sei die Situation von Kindern aus suchtbelasteten Familien: 3767 Minderjährige waren 2025 von der Suchterkrankung eines Elternteils betroffen, 2333 lebten mit ihnen in einem Haushalt. Auch diese Zahl spiegelt nur Fälle wider, die sich Hilfe suchten, die tatsächliche dürfte deutlich höher liegen.
„Sucht ist kein persönliches Versagen. Wir müssen Betroffene ohne Vorurteile unterstützen und verhindern, dass aus riskantem Konsum eine Abhängigkeit wird“, betont die Ministerin. Zum flächendeckenden, niedrigschwelligen Angebot in den landesweit 24 Beratungsstellen kämen weitere Angebote wie die vom Land geförderte DigiSucht-Beratung per Video, Chat oder E-Mail oder der von der DAK Gesundheit aufgelegte Vape-Check, der sich speziell an junge Leute richtet.
Greifswalder Studie nimmt junge Menschen in den Blick
Um deren Suchtgefährdung zu ermitteln, hat das Land eine Studie an der Universität Greifswald finanziert, so Drese. 37,2 Prozent der für die KiJuSucht 2025 befragten Minderjährigen haben demnach bereits Erfahrungen mit E-Zigaretten, sogenannten Vapes, gemacht. Sogar 40,1 Prozent der minderjährigen Studienteilnehmer zeigten ein riskantes Alkoholkonsum-Muster. Bei 24,6 Prozent gab es Hinweise auf eine auffällige bzw. abhängige Smartphone-Nutzung. Der erste Kontakt mit Energy-Drinks oder Koffein erfolgt in MV im Durchschnitt bereits mit 10,2 Jahren.
Später kommen andere süchtig machende Substanzen dazu, laut Lakost-Geschäftsführerin Birgit Grämke immer öfter im Mischkonsum mit Alkohol. Deutlich zugenommen hat auch die Zahl der Kokain-Konsumenten. „Kokain ist in Mecklenburg-Vorpommern in der Otto-Normalfamilie angekommen“, schätzt Grämke ein. Sorgen bereitet ihr insbesondere das veränderte Durchschnittsalter der Menschen mit Kokainproblemen. Binnen eines Jahres sank es von 41,9 auf 36,1 Jahre. Cannabis dagegen spielt in der Beratungspraxis nicht die Rolle, wie zu Beginn der Legalisierung befürchtet worden war. Frühzeitige umfassende Aufklärungskampagnen hätten hier offenbar Wirkung gezeigt, so Grämke.
Unter den nicht-stoffgebundenen Süchten spielen im Suchtbericht insbesondere exzessive Mediennutzung und Glücksspiel eine besondere Rolle. Letzteres hat sich fast ausschließlich ins Netz verlagert.