DDR-Erfindung Superfest-Glas kehrt als moderne Technik zurück
Superfest-Glas: DDR-Erfindung erlebt Comeback

Ein Trinkglas, das bis zu zehnmal länger hält und dabei weniger Material benötigt als herkömmliche Gläser – diese Idee steckte hinter dem „Superfest“-Glas, das ab 1980 in der DDR produziert wurde. Nach dem Ende der Produktion 1990 kehrt die Technik nun als moderne Innovation zurück. Das Start-up ReViSalt hat das Verfahren weiterentwickelt und bringt die widerstandsfähigen Gläser erneut auf den Markt.

Die Geschichte des Superfest-Glases

Die Entwicklung begann in den 1970er-Jahren in der DDR. Forscher fanden ein Verfahren, bei dem die Glasoberfläche durch einen Ionenaustausch chemisch verfestigt wird. Dabei wurden kleinere Natrium-Ionen an der Oberfläche durch größere Kalium-Ionen ersetzt. Die Gläser kamen dafür in ein Salzbad aus flüssigem Kaliumnitrat, das auf rund 400 Grad erhitzt wurde. Die größeren Kalium-Ionen erzeugten in der Glasoberfläche eine Druckspannung, die die Gläser widerstandsfähiger machte.

Am 8. August 1977 meldeten Siegfried Schelinski, Dieter Patzig, Klaus Heinrich und Bernd Grüger das DDR-Patent an. Das Glaswerk in Schwepnitz wurde ausgebaut, und 1980 startete die Produktion – zunächst mit chemisch verfestigten Biergläsern. Damals trug das Glas den Namen „Ceverit“, eine Kurzform von „chemisch verfestigt“. Später setzte sich der Name „Superfest“ durch.

Erfolg und Ende in der DDR

Das Superfest-Glas war nicht nur robust, sondern auch materialsparend. Die Gläser konnten mit weniger Material hergestellt werden, was den Energieaufwand bei der Produktion senkte. Optisch hatten sie eine typische Form mit markanter Wölbung. 1980 erhielt die Becherserie auf der Leipziger Frühjahrsmesse die Auszeichnung „Gutes Design“, 1983 folgte eine Goldmedaille.

Zwischen 1980 und 1990 wurden rund 120 Millionen Gläser produziert, vor allem für die Gastronomie. Doch mit dem Ende der DDR endete auch die Erfolgsgeschichte. Aus dem VEB Sachsenglas Schwepnitz wurde im Juli 1990 die Saxonia-Glas GmbH Schwepnitz. Der Markt war offenbar gesättigt, und der erhoffte Absatz in Westdeutschland kam nicht zustande. Der Handelsvertreter Eberhard Pook berichtete, dass sich potenzielle Kunden fragten, warum sie ein Glas kaufen sollten, das kaum kaputtgeht.

Kombinat und Werksführung beschlossen 1990 selbst das Ende der Superfest-Produktion. Die Schmelzwanne wurde heruntergekühlt, die CV-Anlage anschließend verschrottet. Bereits 1991 wurde die Firma von der Treuhandanstalt liquidiert.

Die Wiederbelebung durch ReViSalt

Die Langlebigkeit des Glases brachte die Idee Jahre später zurück. Maschinenbauingenieur Michael Heidan erinnerte sich an die superfesten DDR-Gläser, als seine Frau einen Online-Shop für Trinkflaschen betrieb. Sie forderte ihn auf: „Mach mal, dass die Flaschen nicht mehr kaputtgehen.“ Heidan suchte nach einem Verfahren, um Glas widerstandsfähiger zu machen, und kam über Umwege zur TU Bergakademie Freiberg, wo Forscher bereits an der chemischen Verfestigung arbeiteten. Gemeinsam entwickelten sie den Ansatz weiter und meldeten Patente an. 2022 gründete Heidan mit den Forschern das Unternehmen ReViSalt.

Martin Groß, Geschäftsführer von ReViSalt, betont: „Von dem alten Verfahren der Superfestgläser haben wir genau die gleiche Salzzusammensetzung genommen.“ Verändert wurde vor allem die Vorwärmzeit, wodurch das Verfahren deutlich schneller wurde. Die chemische Verfestigung soll heute in fünf bis 30 Minuten möglich sein. Das Grundprinzip bleibt gleich: Salzbad und Ionenaustausch. Dadurch lässt sich Glas dünner und leichter herstellen – nach Unternehmensangaben mit bis zu 50 Prozent weniger Masse.

Produkte, Preise und Zukunft

ReViSalt produziert nicht nur Gläser, sondern auch Flaschen und weitere Glasprodukte. Die Herstellung ist laut Unternehmen „zu 100% recycelbar und völlig ungiftig“. Einsatzmöglichkeiten sieht das Start-up in Flaschen, Lebensmittelverpackungen, Pharma- und Laborglas, Auto- und Gebäudeglas sowie bei Handydisplays und Solarmodulen. Für bestimmte Anwendungen gibt das Unternehmen Energieeinsparungen von bis zu 95 Prozent an.

Nach 25 Minuten chemischer Verfestigung wurde laut Unternehmensangaben eine etwa vierfache Festigkeitssteigerung gemessen. Beim oberfränkischen Glashersteller Heinz-Glas wird das Verfahren bereits produktiv eingesetzt. Im Online-Shop der Familie Heidan kostet ein chemisch verfestigtes 305-Milliliter-Trinkglas 28 Euro, ein 360-Milliliter-Longdrinkglas 29 Euro. Beide werden als besonders robust und spülmaschinengeeignet angeboten.

Die bisherigen Kundenbewertungen fallen positiv aus, die Datenbasis ist aber noch sehr klein. ReViSalt spricht von einem „Game-Changer“ und will die chemische Verfestigung für den Massenmarkt nutzbar machen. Die Glasindustrie steht unter hohem Energie- und Kostendruck – ein Verfahren, das leichtere und widerstandsfähigere Produkte ermöglicht, könnte dabei einen neuen Ansatz bieten.