Nördlich von Anklam erinnern heute nur noch Spuren im Wald an ein vergessenes Industrieabenteuer. Ein gewaltiger, mit Dampfkraft betriebener Steinbrecher zerkleinerte dort einst Feldsteine für den Straßenbau. Übrig geblieben sind ein mannshoher Betonklotz, der als Fundament diente, verstreute Feldsteinbrocken und ein kurzer Damm einer Feldbahn.
Vom Rittergut zum Steinbruch
Der Ortsname „Steinfurth“ lässt vermuten, dass die Region um das Dorf bei Karlsburg durch die letzte Eiszeit besonders reichlich mit Feldsteinen bedacht wurde. Die vielen Brocken, die nach dem Abschmelzen der Gletscher liegenblieben, machten die Gegend quasi „steinreich“. Das wollte sich der Landwirt Ernst Krog zunutze machen, der 1904 das Rittergut Pamitz zwischen Steinfurth und Wahlendow erworben hatte.
Gemeinsam mit der Stettiner Firma Block & Co., die mit Straßenbaumaterial und Eisenbahnschotter handelte, ließ er die Steine auf den Feldern des Gutes zerkleinern, um sie als Material für den Straßenbau zu verkaufen. Eine Praxis, die es schon länger gab und die nicht zuletzt dafür sorgte, dass unzählige Großsteingräber in Vorpommern unwiederbringlich zerstört wurden.
Anschluss an die Kleinbahn
Für das Vorhaben bot es sich an, die bearbeiteten Steine über einen Anschluss an die Anklam-Lassaner Kleinbahn (ALKB) abzutransportieren, die 1896 den Betrieb aufgenommen hatte und auch zwischen Wahlendow und Buddenhagen verkehrte. Die zunächst beantragte Anschlussbahn von vier Kilometern Länge bis zum Gutshof Pamitz erwies sich jedoch als zu teuer, sodass sich die Beteiligten auf eine kürzere Variante einigten, die mitten im Wald im sogenannten Hundewinkel endete, wie Wolf-Dietger Machel in seinem Buch über die ALKB schreibt.
Zunächst schienen die Geschäfte gut zu laufen. Allein für den Bau der Straße Anklam-Stralsund wurden 1907 von der Greifswalder Chaussee-Verwaltung mehr als 2000 Quadratmeter Kleinpflastersteine ausgeschrieben. Im selben Jahr wurde die Erweiterung der Bahnanlage an der Ladestelle Pamitz genehmigt und ein Steinbrecher aufgestellt. Laut Groß Bünzower Kirchenchronik verarbeitete das mit Dampfkraft betriebene „gewaltige“ Gerät die Steine, die nicht als Pflastersteine zu gebrauchen waren, zu Steinschotter.
Arbeiter und Konkurs
Für die Steinschläger wurde eine „dauernde Beschäftigung“ gesucht, denen bei entsprechender Tüchtigkeit ein Wochenlohn von über 50 Mark sowie eine kostenlose Unterkunft in Aussicht gestellt wurde. Das war kein schlechter Verdienst, wenn man berücksichtigt, dass sich das durchschnittliche Jahreseinkommen zu jener Zeit auf rund tausend Euro belief.
Letztlich sollen an der Ladestelle im Wald bis zu 70 Leute gearbeitet haben. Untergebracht waren sie in Baracken am Weg von Pamitz nach Buddenhagen, deren Beschaffung der Kreis Greifswald mit 2000 Mark unterstützt hatte, heißt es im Buch zur ALKB. Somit war im heute eher abgelegenen „Hundewinkel“ ein kleiner Industriebetrieb entstanden, der wohl mehr Beschäftigte hatte als der Gutsbezirk Pamitz Einwohner. Deren Zahl wird im Jahr 1910 mit 53 angegeben.
Dennoch meldeten die Stettiner Firma Bock & Co. und Gutsbesitzer Krog bereits 1908 Konkurs an. In den folgenden Jahren wechselten Gut und Steinbrecher immer wieder den Besitzer, bis es 1927 an die Pommersche Landgesellschaft Stettin verkauft wurde. Die Produktion im „Hundewinkel“ scheint unterdessen weitergelaufen zu sein, wenn auch in geringerem Umfang. Auch die Neusiedler von Pamitz werden den Steinbrecher vermutlich weiter genutzt haben, um Feldsteine für Bauprojekte zu zertrümmern. Der Bahnverkehr zwischen Pamitz und Wahlendow endete allerdings im November 1927, und die Gleise der Anschlussbahn wurden abgebaut.
Spuren im Wald
Das geschäftige Treiben zu den Hochzeiten der Steinschlägerei im „Hundewinkel“ vor über hundert Jahren mit dröhnenden Hammerschlägen, dutzenden Steinschlägern, rangierenden Dampfloks und dem rumpelnden Steinbrecher kann man sich heute kaum noch vorstellen. Übrig geblieben sind nur verschieden große Feldsteinbrocken, die verstreut auf dem Waldboden liegen, ein kurzer Damm, auf dem wohl eine Feldbahn verlief, und ein mannshoher Betonklotz, der diesem als Fundament diente.
Zudem gibt es in den umliegenden Dörfern noch die Erinnerung daran, dass es den Steinbrecher überhaupt einmal gab, der von den Leuten auch „Knacke“ genannt wurde.