Die angekündigte Schließung der Eisengießerei Ueckermünde versetzt die Familie Witte in Existenzangst. Steffen Witte (46), seine Lebensgefährtin Doreen Pragst (46) und sein Sohn Niko (29) bangen um ihren Hauskredit und ihr Einkommen. Vater und Sohn arbeiten bei Breyden, Steffen seit zwei Jahren, Niko wechselte nach seiner Ausbildung in der Eisengießerei Torgelow dorthin.
Ein Haus, das noch lange nicht fertig ist
Seit sechs Jahren lebt die Familie in ihrem Haus in Ueckermünde, das sie selbst umbauen. Eine ehemalige Werkstatt wird nach und nach hergerichtet, die Wasserleitung muss nach einem Rohrbruch erneuert werden. Freunde, Verwandte und Bekannte helfen, um Kosten zu senken. Dazu kommt der Hauskredit: Noch vier Jahre läuft die derzeitige Zinsbindung, danach steht eine Anschlussfinanzierung an. „Und das ohne Job. Das sieht dann sehr schwer aus“, sagt Steffen Witte.
Seine Lebensgefährtin Doreen Pragst kann nicht mehr arbeiten. Die frühere Altenpflegerin erlitt 2018 einen schweren Unfall, bei dem ihr Fuß erheblich verletzt wurde. Sie hat heute ein künstliches Sprunggelenk und bezieht eine Erwerbsminderungsrente. Steffen Wittes Verdienst ist eine wichtige Grundlage für die Finanzierung des gemeinsamen Haushalts.
Warum die Tochter auf den Führerschein verzichtet
Tochter Jassica R. (19) macht im AMEOS-Klinikum eine Ausbildung zur Pflegefachkraft und lebt mit ihrem Freund in einer eigenen Wohnung. Einen Führerschein kann sie sich während der Ausbildung nicht leisten. Als kürzlich eine ihrer beiden Katzen am Auge erkrankte, half ihr Vater mit 100 Euro aus. „Die kriege ich nicht einfach so mit meinem Gehalt aus der Ausbildung zusammen“, erzählt sie am Telefon.
Auch Niko Witte hat finanzielle Verpflichtungen: Der 29-Jährige ist Vater eines kleinen Kindes, insgesamt leben drei Kinder in seinem Haushalt, dazu kommt ein Auto, das noch abbezahlt werden muss. Die Nachricht von der geplanten Schließung erwischte ihn kalt: „Für mich ist im ersten Moment alles zusammengebrochen“, erzählt er. Nach Torgelow möchte er nicht zurückkehren, auch wegen belastender Erfahrungen aus seiner früheren Tätigkeit.
Arbeit gibt es vielleicht – aber zu welchem Lohn?
Steffen Witte könnte sich vorstellen, wieder als Schweißer zu arbeiten. Er ist gelernter Hochbaufacharbeiter und hat sich später zum Konstruktionsmechaniker umschulen lassen. Allerdings rechnet er bei einem Arbeitsplatzwechsel mit einem geringeren Einkommen und möglichen Fahrtkosten. „Hier habe ich keine Fahrtkosten“, sagt Witte. Angesichts hoher Kraftstoffpreise müsse er genau rechnen, ob sich ein weiter entfernter Arbeitsplatz finanziell lohne. Ein Umzug kommt für ihn nicht infrage: „Ich kann das Haus nicht mitnehmen.“
„Das Know-how liegt hier“
Der 46-Jährige sieht durchaus Möglichkeiten, die Gießerei weiterzubetreiben. Er kennt die Produktionsanlagen und kann nach eigenen Angaben mehrere Maschinen bedienen. Auch sein Sohn wurde an den Anlagen angelernt. „Das Know-how liegt hier“, sagt er. Dass Anlagen nach Neukirchen verlagert werden sollen, beschäftigt ihn. Schon vor längerer Zeit seien Maschinen vermessen worden, Witte vermutet einen Zusammenhang mit den heutigen Plänen. Ob die Vermessung tatsächlich der Vorbereitung einer Verlagerung diente, ist nicht geklärt. Eine Umstrukturierung hält er für möglich, dafür brauche es allerdings Investitionen.
Was wird aus der Gießerei?
Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Wolfgang Blank hat sich bereits mit der Situation in Ueckermünde beschäftigt. Ob sich noch eine Perspektive für den Standort ergibt, ist offen. Am Donnerstag, 15. Oktober, um 17 Uhr wollen Stadtvertreter auf dem Schlosshof des Ueckermünder Rathauses öffentlich über die Lage informieren. Familie Witte will dabei sein.
Am Ende des Gesprächs räumt Steffen Witte ein, dass es ihn am Wochenende abends mit Freunden überwältigt habe. Er sagt einen Satz, den derzeit wohl viele unterschreiben können: „Mir geht der Arsch auf Grundeis.“