Bei Bauarbeiten in der Straße „An den Wurthen“ in Greifswald ist ein mittelalterlicher Brennofen entdeckt worden, der womöglich ein großes Stadträtsel löst. Die Bauarbeiten verzögern sich dadurch deutlich.
Fund mit besonderer Bedeutung für die Stadtgeschichte
Nach ersten Schätzungen stammt der Ofen vermutlich aus dem 13. oder 14. Jahrhundert und könnte bis ins 18. Jahrhundert genutzt worden sein, teilt eine Sprecherin der Stadt Greifswald mit. Grabungsleiterin Janin Zorn von der AIM-V Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern GmbH erklärt, dass mehrere Ascheschichten und unterschiedlich stark beschädigte Ziegel belegen, dass der Ofen immer wieder erneuert worden ist.
„Bislang konnten mindestens sechs Brennböden nachgewiesen werden. Möglicherweise wurden an dieser Stelle Backsteine für die Greifswalder Marienkirche und weitere Gebäude der Altstadt hergestellt“, so Janin Zorn. „Die Größe des Ofens ist besonders bemerkenswert. Solche Anlagen sind in unserer Region selten. Der Fund ist deshalb auch über Greifswald hinaus von Bedeutung.“
Marienkirche und Ziegelproduktion
Die gotische Backsteinkirche am Marienkirchplatz 1 wurde erstmals 1280 urkundlich als Pfarrkirche erwähnt. Das Gebäude wurde als chorlose dreischiffige Hallenkirche errichtet. Der Ostgiebel stammt aus dem Jahr 1360. Die Kanzel entstand 1587 und ist mit zahlreichen Intarsien verziert. Auch eine der größten erhaltenen Orgeln des Stralsunder Orgelbauers Mehmel ist Teil der Kirche. Die Wandmalereien mit der Passionsgeschichte Jesu Christi stammen aus dem Jahr 1411. Am Eingang zum Kirchenschiff erinnert seit 1702 ein Sühnestein an den Bürgermeister und Universitätsgründer Heinrich Rubenow, der 1462 ermordet wurde.
Hinweise für das Brennen von Ziegeln in Greifswald gab es bereits in der Vergangenheit. Dass sich in der Nähe eine Ziegelei befand, sei bereits bekannt gewesen. Unter dem heutigen Alten Friedhof habe es große Lehmgruben gegeben, aus denen das Material für die Ziegelherstellung gewonnen wurde. Der jetzt entdeckte Ofen liefert erstmals den archäologischen Nachweis für den dazugehörigen Brennplatz, wie es von der Stadt heißt.
Verzögerung und frühere Funde
„Mit einem solchen Fund haben wir an dieser Stelle nicht gerechnet. Für die Greifswalder Stadtgeschichte ist das ein spannender Baustein. Er gibt uns neue Einblicke in die Ziegelproduktion vor den damaligen Toren der Stadt“, sagt Oberbürgermeister Stefan Fassbinder über den Fund. Der Brennofen wird nun vollständig freigelegt und dokumentiert. Dadurch verzögert sich auch der Straßenausbau deutlich. Statt wie geplant im Dezember 2026 verschiebt sich die Fertigstellung der Straße bis ins dritte Quartal des Jahres 2027, wie die Stadt mitteilt.
Bereits im vergangenen Jahr sorgte ein Sensationfund auf einer Baustelle in Greifswald für Aufsehen. In der Stralsunder Straße, nahe dem Museumshafen, wurden bei Bauarbeiten die Skelette von rund 300 Menschen gefunden. „Es wurden schwerste pathologische Veränderungen an vielen Skeletten festgestellt, sie waren zu Lebzeiten von starken körperlichen Leiden gezeichnet“, sagte Archäologin Claudia Melisch 2025. Im Bauchraum eines Toten fanden sie und ihre Mitstreiter sogar eine Musketenkugel. „Was wir hier gefunden haben, ist archäologisch signifikant. Jedes Skelett ist wie die Seite eines unbeschriebenen Buches. Wir kennen ihre Schicksale nicht, ihre Namen, ihre Leiden“, ordnete die Archäologin ein. Die meisten Toten seien so bestattet worden, dass ihr Blick zur aufgehenden Sonne gerichtet ist.