Nach mehr als fünf Jahren Restaurierung ist der legendäre DDR-Schnellzug VT 18.16 wieder einsatzbereit. Rund sieben Millionen Euro wurden für die Aufbereitung des Zuges aufgewendet. Ermöglicht wurde die Renaissance durch etwa 60 Eisenbahnfans aus Sachsen, die sich vor gut sechs Jahren entschieden, den Triebwagen wieder zum Rollen zu bringen.
Eine Legende kehrt zurück
Der VT 18.16, der mit dem Logo der Deutschen Reichsbahn durch die DDR und halb Europa fuhr, trug einprägsame Namen wie „Neptun“, „Vindobona“ oder „Berlinaren“. Die beige-weinroten Fahrzeuge stehen nun wieder für das Reisen im Stil der 1960er-Jahre. Der Prototyp des VT 18.16 rollte 1963 im volkseigenen Waggonbau Görlitz aus den Werkhallen. VT steht für Verbrennungstriebwagen, die 18 für 1800 PS-Dieselmotoren, die 16 für 160 km/h Höchstgeschwindigkeit. Eingebürgert hat sich das Kürzel SVT, wobei das S für schnell steht.
Die erste öffentliche Präsentation fand auf der Leipziger Frühjahrsmesse desselben Jahres statt und sorgte für große Aufmerksamkeit. Bahnchefs sowie Ingenieure und Monteure in Görlitz hatten sich unter anderem vom Trans-Europ-Express inspirieren lassen, einem ab 1957 aufgebauten Schnellverbindungsnetz mit Dieseltriebwagen.
Reisen über die Ostsee
„Neptun“ und „Berlinaren“ fuhren bis nach Kopenhagen beziehungsweise Malmö. Beide SVT wurden durch Schiffe in Warnemünde beziehungsweise Sassnitz nach Gedser beziehungsweise Trelleborg „trajektiert“, wie einst die Verschiffung von Bahnfahrzeugen genannt wurde. Das Ein- und Ausfahren der Züge in den Schiffsrumpf der Reichsbahn-Fährschiffe „Sassnitz“ und „Warnemünde“ wurde immer wieder von DDR-Bürgern bestaunt. Diese Verbindungen waren ausschließlich für den grenzüberschreitenden Verkehr geschaffen worden.
Bereits vor 1945 waren in Görlitz Schnelltriebwagen wie der legendäre „Fliegende Hamburger“ entstanden, der die Strecke Berlin-Hamburg befuhr. Heute wird der SVT als „ICE des Ostens“ bezeichnet, obwohl der ICE erst 1985 in Westdeutschland erblickte. Ein entscheidender Grund für den Bau des SVT lag darin, die überalterten Vorkriegs-Triebwagen zu ersetzen und den Reisekomfort zu verbessern.
Technische Details und Besonderheiten
Insgesamt wurden bis 1968 acht Zugeinheiten sowie mehrere Reserve-Maschinen- und Mittelwagen gebaut. Die üblichen vierteiligen Einheiten konnten durch einen weiteren Waggon ergänzt werden, wodurch sich die Zahl der Sitzplätze von 140 auf 212 erhöhte, aufgeteilt in 1. und 2. Klasse. 23 Plätze bot das Speiseabteil der Mitropa. Ein absolutes Novum: Die Sitzplätze in den Großraumabteilen konnten in Fahrtrichtung gedreht werden. Stewardessen begrüßten die Reisenden und brachten Getränke an den Sitzplatz – dem Service in Flugzeugen ähnlich.
Der erste reguläre Einsatz des SVT-Prototyps datierte vom 31. Mai 1964 auf der Relation Berlin-Neustrelitz-Rostock/Warnemünde-Gedser-Kopenhagen. Mit dem Winter-Fahrplan desselben Jahres übernahm ein SVT auch den Dienst des „Vindobona“, der Berlin mit Wien via Prag verband. Letztmalig bot die Bahn diese Verbindung Ende Mai 1979 an. Ab 1968 rollte ein „Görlitzer“ bis ins schwedische Malmö, wobei der Zug mit dem Namen „Berlinaren“ über die Strecke Berlin-Neustrelitz-Neubrandenburg-Stralsund-Sassnitz geleitet wurde. Aber schon zwei Jahre später war Schluss.
Neue Angebote und das Ende
Der Winterfahrplan 1969/70 setzte neue Akzente. Eine Schnellverbindung zwischen Berlin-Ostbahnhof und Leipzig verband beide Großstädte in damals respektablen 108 Minuten ohne Zwischenaufenthalt. Zum Vergleich: Für die heute um 15 Kilometer kürzere Strecke benötigt der ICE rund 80 Minuten. Ab 1970/71 stellte die DR auch für die Verbindungen Berlin-Leipzig-Karlovy Vary und Leipzig-Gera-Karlovy-Vary die Dieseltreibwagen zur Verfügung, die als „Karlex“ beziehungsweise „Karola“ bei den Reisenden sehr beliebt waren.
16 Jahre nach dem Beginn des Zeitalters der „Görlitzer“ standen die Signale endgültig auf Rot. Die Erdölkrise 1978/79 und die fortschreitende Elektrifizierung forderten ihren Tribut. Mit einer Ausnahme: Die Relation Berlin-Bautzen-Berlin, auch als „Sorben-Express“ tituliert, wurde noch bis 1985 von einem SVT befahren. Sonderfahrten von Westberlin aus zur Leipziger Messe und Wochenendfahrten über Sassnitz zur schwedischen Insel Bornholm erwiesen sich als einträgliches Devisengeschäft für die Deutsche Reichsbahn.
Der SVT heute
Nach 30 Jahren und mit unerschütterlichem Mut wurde der SVT wieder auf die Schienen gebracht. Heimstatt des vollständig nach alten Vorlagen restaurierten SVT ist nun Dresden. Auf dem Bahnhof Radebeul Ost, geschützt in einer Halle, steht er für Sonderfahrten bereit, gemeinsam mit dem Dresdner Reisebüro Maertens organisiert. Reisen können über das Reisebüro Maertens gebucht werden. Angeboten werden Tagestouren mit Hin- und Rückfahrten beispielsweise nach Sylt sowie mehrtägige Fahrten mit Hotelübernachtungen, beispielsweise nach Usedom oder zum Weihnachtsmarkt nach Heidelberg.
Am 30. Oktober startet ein Sonderzug in Dresden, macht in Leipzig Halt, fährt durch Wittenberge in der Prignitz. Dort, wo einst im Reichsbahnausbesserungswerk seine „Brüder“ am Laufen gehalten wurden, rollt er auf der generalsanierten Strecke nach Hamburg mit einem Abstecher nach Sylt. Vom 14. bis 18. November ist das Reiseziel des SVT die Insel Usedom. In Heringsdorf pausiert er und kann von Fans bestaunt werden. Spenden sind sehr willkommen, damit diese Legende der Bahn noch lange rollen kann.