Floßfahrt auf der Uecker: Pflegerin heuert spontan an
Floßfahrt auf der Uecker: Pflegerin heuert an (12.10.2026)

Bei einer Floßfahrt auf der Uecker in Ueckermünde hat eine Pflegerin mitten auf dem Wasser eine neue Kollegin angeworben. Die 37-jährige Marlen Hartmann vom Intensivpflegedienst Thore berichtet von der ungewöhnlichen Begegnung Ende September.

Ungewöhnliche Anwerbung auf dem Wasser

Marlen Hartmann hatte mit vielem gerechnet, als sie an jenem Spätsommertag in Ueckermünde ein Floß bestieg und zu einer Ausfahrt auf der Uecker aufbrach, aber nicht damit, dass sie mitten auf dem Wasser eine neue Kollegin anwerben würde. Genau das ist jedoch passiert und kommt der 37-Jährigen noch Tage später surreal vor.

Wie so oft ging es um Paul, berichtet die Mitarbeiterin des Intensivpflegedienstes Thore. Paul aus Klein Bünzow, 22 Jahre alt und vom Hals abwärts gelähmt, sollte einen schönen Tag haben. Ihr Kollege Frank-Rolf Friedrich aus Meiersberg sei eines Tages mit einem Zollstock zur Arbeit erschienen. „Er hatte bei Uwes Bootsverleih in Ueckermünde ein Floß vermessen, vermaß jetzt Pauls Rollstuhl und plante eine Fahrt für ihn“, beschreibt die Anklamerin den Hergang.

Herausfordernde Vorbereitung

Paul, seit einem Verkehrsunfall als Erstklässler schwerstbehindert, habe unlängst begeistert auf ein Boot reagiert. Nun sollte ihm eine Fahrt ermöglicht werden. Einfach sei es aber nicht gewesen, den 300 Kilogramm schweren Elektrorollstuhl samt Patient, Beatmungsapparat und weiteren Gerätschaften auf das Wasserfahrzeug zu verladen. „Es wurde ein flacheres Floß an den Steg gefahren, eine Rampe angebracht, und dann haben wir Paul von dem kleineren Floß auf das große geschoben.“

Bange sei ihr zunächst gewesen. Sie habe sich nicht ausmalen wollen, was passiert, wenn der äußerst unwahrscheinliche Fall von Mann über Bord eintritt. Aber dann sei alles fabelhaft verlaufen. Zehn Leute seien sie gewesen – darunter Paul, seine fünf Pfleger, seine Physiotherapeutin und seine Lehrerin. „Wir mussten das Gewicht verteilen, damit das Floß mit dem Rollstuhl nicht in Schieflage gerät. Aber Paul hat übers ganze Gesicht gestrahlt“, erzählt Marlen Hartmann.

Zufällige Begegnung mit Folgen

„Von hinten kam eine Frau mit einem kleinen roten Boot angefahren, hat uns gewunken und Daumen hoch gezeigt. Plötzlich rief mein Kollege zu mir nach vorn, dort in dem Boot sei eine vom Fach“, erinnert sich die Intensivpflegerin. Nur wenige Worte seien von Boot zu Boot gerufen worden, dann sei man sich einig gewesen. „Sie hat einfach gesagt, dass sie bei uns anfängt.“ Eine Visitenkarte sei über die Reling gereicht worden, dann sei die damals noch Fremde auch schon weiter gefahren.

Monique, die Boot fahrende Pflegerin aus Torgelow, hielt ihr Versprechen. Tags darauf heuerte sie an. Inzwischen sei der Arbeitsvertrag unterschrieben, in wenigen Tagen wolle die neue Kollegin in Eggesin anfangen.

Fachkräftemangel in der Intensivpflege

Diese Begebenheit sei wie ein Geschenk des Himmels gewesen. Von einem besetzten oder unbesetzten Arbeitsplatz in der Intensivpflege hänge schließlich nicht nur der Gedeih des Unternehmens ab, sondern das Schicksal des jeweiligen Klienten und indirekt auch das seiner Familie. Geeignete Spezialkräfte seien im Nordosten nahezu Goldstaub. „Wir suchen immer, schalten überall Anzeigen, unternehmen alles Mögliche, meistens erfolglos“, beschreibt die zweifache Mutter die Situation in ihrer Branche.

Für Menschen mit schlimmsten Behinderungen bedeute Personalmangel, dass sie oft monatelang, manchmal jahrelang auf einen Pflegeplatz warten müssen. „Manchen müssen wir sogar ganz absagen.“ Nur wenige Tage vor dieser Zufallsbegegnung sei durch den Weggang eines langjährigen Kollegen ein großes Loch in ihr Team gerissen worden. Sie habe nicht zu hoffen gewagt, dass das die Lücke so schnell geschlossen werden kann.

Dabei, so sagt sie, sei der Bereich, in dem sie arbeitet, das Beste, was einer Krankenpflegerin passieren könne. Die 1:1-Betreuung bei den Patienten zu Hause sei kein Vergleich zu dem Hamsterrad in großen Pflegeheimen, wo nicht selten eine Fachkraft für 50 Senioren zuständig sei, pflichtet ihre Kollegin Maria Gleißner ihr bei. Sie habe selbst in einem solchen Haus gearbeitet, bevor sie in die Intensivpflege wechselte. Nie mehr wolle sie zurück.

„Bei uns hingegen“, beschreibt Maria Gleißner ihren aktuellen Arbeitsplatz, „kümmert sich eine Fachkraft um einen Patienten.“ In Zwölf-Stunden-Schichten würden sich die Betreuer abwechseln, rund um die Uhr sei jemand vor Ort. Meistens bleibe das Pflegeverhältnis über viele Jahre hinweg bestehen. „Das ist fast wie eine Familie“, sagt Maria Gleißner, die seit acht Jahren für Paul zuständig ist.

Die Arbeit mit Menschen, die von Apparaten abhängig sind, nahezu nichts ohne Hilfe können, sei nicht für jeden geeignet. „Pflegehelfer, können wir nicht einstellen.“ Pflegefachkräfte jedoch könnten nach einer Zusatzschulung anfangen, sagt Marlen Hartmann.

Thore Intensivpflege mit Hauptsitz in Rostock könne theoretisch im ganzen Land tätig werden. Immer dann, wenn ein neuer Klient anfragt, werde ein Team gezielt für ihn zusammengestellt. Aktuell suche ihre Firma Personal vor allem für Patienten in Klein Bünzow, Schwichtenberg, Löcknitz, Nossentiner Hütte und Eggesin. Neben der Betreuung eines einzelnen sei auch die Arbeit in einer Wohngruppe mit einem Pfleger und drei Patienten möglich.

„Mir begegnen immer wieder Menschen, die noch nie von sowas gehört haben“, sagt Marlen Hartmann, die ihre Arbeit als „spannend, aufregend und herausfordernd“ beschreibt. Sie hoffe sehr, dass auch die neue Kollegin wirklich Gefallen an der Arbeit mit der Pflegedienst-Crew findet und lange an Bord bleibt. Schließlich könne sie kaum davon ausgehen, dass so bald wieder eine ausgebildete Intensivpflegerin durch Zufall ihr Fahrwasser kreuzt.