Rund 320 Arbeitsplätze sind in der Ueckermünder Gießerei bedroht. Bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung auf dem Schlosshof des Rathauses haben Beschäftigte und Unterstützer ihre Sorgen und Hoffnungen formuliert. Stadtpräsident Robert Kriewitz machte deutlich, die Stadt stehe hinter den Arbeitern. Der frühere Geschäftsführer Uli Stark sieht weiterhin Chancen für den Erhalt des Werks.
Familienväter bitten um Unterstützung
Remo Glatzel und Rene Gatzke arbeiten seit 17 Jahren in der Gießerei. Beide haben ein Haus, beide haben Kinder. Nun sollen sie sich darauf einstellen, dass ihre Arbeitsplätze verschwinden. Auf dem Schlosshof bitten sie die Ueckermünder, zu den Montagsdemonstrationen zu kommen, die Beschäftigten zu unterstützen und mit ihnen für die Gießerei einzutreten. Bereits sammeln die beiden Geld, um den Betriebsrat mit Plakaten zu unterstützen. Was sie sich wünschen, ist mehr Rückhalt aus ihrer Stadt.
Auch Steffen Witte, Niko Witte und Doreen Pragst sind zur Versammlung gekommen. Der Nordkurier hat über die Familie berichtet, darüber, was die angekündigte Schließung für sie bedeutet. Die Frage, um die sich an diesem Abend alles dreht, betrifft auch ihre Zukunft: Lässt sich das Werk noch retten?
Solidarität aus den Nachbarorten
Auf dem gepflasterten Hof richten sich die Blicke nach vorn zum Rathaus. Einige Besucher haben die Arme verschränkt, andere die Hände in den Jackentaschen. Jörg Heller aus Pasewalk und Jörg Pfütze aus Löcknitz haben ihre Trommeln von den Mahnwachen mitgebracht. Weiße Trommeln vor gelben Warnwesten. Die beiden wollen den Gießereiarbeitern zeigen, dass sie hinter ihnen stehen.
Stadtpräsident Robert Kriewitz eröffnet die öffentliche Informationsveranstaltung am 15. Oktober. Der Bürgermeister lässt sich entschuldigen, er hat einen auswärtigen Termin. Unter den Gästen begrüßt Kriewitz die Vertreter von Betriebsrat und IG Metall, die Landtagsabgeordnete Inken Arndt (AfD) und André Klink vom Vorstand des Gewerbevereins.
Kriewitz: Stadt bereit zu kämpfen
„Hinter diesen Arbeitsplätzen stehen Familien, stehen Menschen und persönliche Lebensentwürfe“, sagt Kriewitz. Die angekündigte Schließung betreffe die gesamte Stadt. Seit Bekanntwerden der Pläne seien zahlreiche Gespräche geführt worden, unter anderem mit dem Wirtschaftsministerium, der Unternehmensseite und den Gewerkschaften. Darüber will Kriewitz informieren. Beschlüsse werden an diesem Abend nicht gefasst, es ist keine förmliche Sitzung der Stadtvertretung.
Der Stadtpräsident mahnt, keine Versprechungen zu machen, die sich möglicherweise nicht halten ließen. Aber aufgeben? Dafür sei es zu früh, solange Möglichkeiten für den Erhalt des Standorts bestünden.
Stark: Unternehmen ist erhaltenswürdig
Dann übernimmt Ulrich „Uli“ Stark das Mikrofon. Er hat einen großen Teil der Geschichte dieser Gießerei selbst mitgestaltet. 1983 begann er dort zu arbeiten, später begleitete er den Umbau zur Automobilgießerei. Von 2006 bis 2013 war er Geschäftsführer. Heute bringt er seine Erfahrung im Krisenstab ein. „Das Unternehmen ist erhaltenswürdig“, sagt er.
Stark zählt auf, was aus seiner Sicht für den Standort spricht: leistungsfähige Anlagen, gute Qualität, erfahrene Beschäftigte, schlanke Strukturen. Besonders die große Produktionsanlage hebt er hervor. Der 69-Jährige verschweigt die Schwachstellen nicht. Nach seinen Angaben produziert die Gießerei derzeit rund 33.000 Tonnen im Jahr. Möglich seien bis zu 50.000 Tonnen. Das entspricht einer Auslastung von knapp 70 Prozent. Auch die Instandhaltung sei vernachlässigt worden. Doch an diesen Problemen könne man arbeiten.
Vorwürfe gegen Breyden
Stark sieht Möglichkeiten, das Werk weiterzuführen und zu entwickeln – gegebenenfalls mit anderen Produkten oder zusätzlichen Partnern. Wirtschaftsminister Wolfgang Blank (parteilos) habe zugesagt, die verfügbaren Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten einzubeziehen, berichtet er.
Wie es zur Schließungsankündigung kam, wirft für den früheren Geschäftsführer erhebliche Fragen auf. Er erinnert an den Besuch des Wirtschaftsministers am 17. September. Damals seien Produkte, Vorteile der Unternehmensgruppe und Maßnahmen zur Verbesserung des Standorts vorgestellt worden. Von einer geplanten Schließung sei nach seiner Darstellung keine Rede gewesen. Am 2. Oktober dann die Nachricht an die Beschäftigten. Vormittags sei der Betriebsrat informiert worden, am Nachmittag die Belegschaft.
Stark bezweifelt die Darstellung, die Entscheidung sei erst in den 16 Tagen zwischen Ministerbesuch und Bekanntgabe gefallen. Er nennt Lagerbestände, die nach seinen Angaben bereits seit November 2025 aufgebaut worden seien, und die Verlagerung von Aufträgen nach Neunkirchen. Für Stark sind das Hinweise auf länger laufende Vorbereitungen. Eine Stellungnahme von Breyden zu diesen Vorwürfen liegt dazu nicht vor.
Warum Stark noch Chancen sieht
Der frühere Geschäftsführer hält eine schnelle Umsetzung der Schließungspläne für schwierig. In Ueckermünde würden sicherheitsrelevante Bauteile für die Automobilindustrie hergestellt. Solche Aufträge ließen sich nicht ohne Weiteres an eine andere Gießerei vergeben. Dafür brauche es die Zustimmung der Kunden und entsprechende Prüfverfahren.
Die genaue Strategie für die weiteren Verhandlungen legt Stark auf dem Schlosshof nicht offen. Land, Stadt und Berater arbeiteten miteinander an einer Zukunft für das Werk. Dabei zählt für ihn auch, was außerhalb der Gesprächsrunden geschieht. „Es ist ganz wichtig, dass Breyden versteht: Die Bevölkerung steht hinter der Gießerei.“ Die Demonstrationen seien ein Teil dieses Drucks. Ausdrücklich dankt er auch dem MarktTreff, der die ersten Montagsdemonstrationen organisiert hat.
Für Freitag, 16. Oktober, kündigt Kriewitz weitere Gespräche mit der Unternehmensführung in Berlin an. Auch der Bürgermeister werde teilnehmen. Der Stadtpräsident misst dem Treffen große Bedeutung bei. Noch gibt es keine Zusage, auf die Steffen Witte, Niko Witte, Doreen Pragst und die anderen Familien bauen können. Aber es gibt einen früheren Geschäftsführer, der erklärt, warum er dem Werk weiterhin eine Zukunft zutraut. Und es gibt Remo Glatzel und Rene Gatzke. Zwei Familienväter, seit jeweils 17 Jahren in der Gießerei. Sie bitten ihre Stadt, sie beim nächsten Gang auf die Straße nicht allein zu lassen.