Gürtlermeister Bernd Lange: DDR-Spitze der Marienkirche gefertigt
Gürtlermeister Bernd Lange: DDR-Spitze der Marienkirche

Am 3. Oktober 1983 setzte ein 100 Meter hoher Spezialkran die vorgefertigte Turmhaube samt Bekrönung auf den Turmstumpf der Neubrandenburger Marienkirche. Gefertigt hatte die Spitze Gürtlermeister Bernd Lange zusammen mit seinem Gesellen Günter Bartschat. Nur wenige wissen heute noch, wer die Kreuzblume hergestellt hat.

Ein Auftrag, den es so noch nie gab

Bernd Lange, damals einziger Meister seines Fachs in der Stadt und im Bezirk, erhielt den Auftrag 1981. Zuvor hatte er vor allem Kerzenhalter, Wandteller oder Raumschmuck wie die Messing-Hängeleuchten in der Paracelsus-Apotheke gefertigt. „Schöddel un Pött. Das tägliche Brot.“ Den Entwurf für die Spitze hatte der Neubrandenburger Architekt Josef Walter erstellt.

„Wir sahen uns das Modell an, dann überlegten wir, wie wir es schaffen können“, erinnert sich Lange. „Die Treibformen und die Werkzeuge mussten wir uns selbst beschaffen bzw. anfertigen. Aber schließlich hat es geklappt.“ Das christliche Symbol fiel weg, da das Gebäude entweiht worden war. Dennoch wurde nach Walters Entwurf ein Kreuz in die Bekrönung eingearbeitet, das vom Boden nicht sichtbar ist.

Kupfer aus Schweden, 1440 Stunden Handarbeit

1440 Stunden Handarbeit waren nötig, um das gut sieben Meter hohe, vollständig aus getriebenem Kupferblech bestehende Spitzenwerk zu fertigen. Das Material mit einer Stärke von 0,7 Millimetern kaufte die DDR in Schweden ein. Die eigene Kupferproduktion war zu gering. Der Denkmalschutz in Person von Paul Schumacher, Bezirksinspektor für Denkmalpflege, und Generalkonservator Prof. Dr. Ludwig Deiters hatten sich für Kupfer stark gemacht.

„Kupfer als Buntmetall rostet nicht. Es bildet selbst eine Schutzschicht dagegen, die Patina“, so Lange. Die Denkmalpfleger räumten ein, dass die Anschaffungskosten zunächst hoch seien, aber Kupfer überdauere Jahrhunderte, während anderes Material nach Jahrzehnten in 90 Metern Höhe erneuert werden müsste.

Wiederaufbau mit Hindernissen

Die Materialfrage stand am Ende der Debatte, ob der Turm nach dem Vorbild von Friedrich Wilhelm Buttel wiederaufgebaut werden sollte. Für die Denkmalschützer war der Turmabschluss „von einmaliger Schönheit und unverzichtbarer Bestandteil unseres Kulturerbes“. So hieß es in der Vorlage für die SED-Bezirksleitung 1981. Ein Jahr später gab Politbüro-Mitglied Kurt Hager persönlich seinen „Segen“.

Die Stadtarchitektin Iris Dullin-Grund spielte bei der Bauvorbereitung eine eher destruktive Rolle. Eine Kommission, die die Ursachen für den schleppenden Baufortschritt untersuchte, kam in ihrem Bericht an den Bezirkstag im März 1990 zu dem Schluss: Frau Grund habe „versucht, die Errichtung der Turmspitze zu verhindern, weil diese nach ihrer Auffassung weder kulturhistorisch begründet noch volkswirtschaftlich sowie politisch zu motivieren sei“. In der Stadt verbreitete sich der Verdacht, sie wolle nicht, dass die Kirche den Turm des Hauses der Kultur und Bildung überragt.

Langes Handwerkerleben

Bernd Lange erlernte das Handwerk beim Kunsthandwerker Hans Plog in Demmin. Nach zwei Jahren als Geselle war er als Stahlgraveur im Reifenwerk Neubrandenburg beschäftigt. „Das Gesetz zur Förderung des Handwerks gab mir die Chance, mich selbstständig zu machen. Die habe ich sofort genutzt. Aber ich musste von null angefangen.“

Nach der Wende wurde er über Nacht arbeitslos. „Schöttel un Pott“ waren nicht mehr gefragt. Dank Erfahrung und Hartnäckigkeit gelang es ihm, sein Gewerbe neu aufzustellen. Für die Bekrönung von Kirchturmspitzen wurde er in der Region die erste Adresse – insgesamt 27 Projekte, darunter Sankt Georg in Neubrandenburg und die Bartholomaei-Kirche in Demmin.

Später begab er sich auf das Feld der Bauklempnerei und machte bittere Erfahrungen. „Die Zahlungsmoral war manchmal finster. Bauherren meldeten Insolvenz an. Ich blieb auf meinen Kosten sitzen. Ich habe es trotzdem überlebt“, sagt er. 2013 meldete er nach 36 Jahren Selbstständigkeit sein Gewerbe ab und genießt den Ruhestand. Wenn er mit seiner Frau walkt, kann er am Horizont manche Kirchturmspitze ausmachen und für sich festhalten: „Die meisten sind durch seine Hände geformt worden.“